Pressemitteilung

Wie klingt der Nationalpark?

Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald laufen zahlreiche spannende kurz- und auch längerfristige Forschungsprojekte. Die Ergebnisse einiger dieser Projekte wurden jetzt in einem ersten Forschungsband auf 257 Seiten zusammengefasst, der auf der Homepage des Nationalparks heruntergeladen werden kann. Einer der 25 Beiträge befasst sich mit dem Klang des Nationalparks, mit dem Hunsrück-Soundscape-Projekt von Prof. Dr. Alfons Matheis, Peter Knebel und Lukas Dietrich am Umwelt-Campus Birkenfeld (UCB) der Hochschule Trier.

Wie klingt der Nationalpark Hunsrück-Hochwald? „Er klingt nach gluckernden Bächen, nach knabbernden oder röhrenden Tieren, nach Steinen, die vom Temperaturunterschied gesprengt werden, nach rauschenden Baumwipfeln“, sagt Dr. Harald Egidi, Leiter des Nationalparkamtes begeistert. Ganz wissenschaftlich-neutral gehen Prof. Dr. Matheis und seine Mitarbeiter mit dem Hunsrück-Soundscape-Projekt an diese Frage heran. Grundlage ist die Überzeugung, dass in jedem Gebiet ein ganz spezielles „tierisches Orchester“ (animal orchestra) spielt, dessen Stimme durch menschliche Einflüsse überlagert und teilweise zerstört wird. Auch im Nationalpark findet sich kein Ort, der frei wäre von menschlichen Störgeräuschen.

Drei Standorte mit sehr unterschiedlichen (Klang-)Bedingungen haben die Forscher für ihre Aufnahmen ausgewählt: das Hangmoor Ochsenbruch, die Jagdhütte bei Leisel und den keltischen Ringwall Otzenhausen. Das Langzeitprojekt soll dabei insbesondere dokumentieren, wie sich der Klang des Nationalparks – und damit dessen Biodiversität - im Laufe der Jahre verändert. Im Zuge des Projekts werden jedoch auch Programme entwickelt, die mittels künstlicher Intelligenz (KI) die Stimmen einzelner Tierarten automatisiert aus der allgemeinen Geräuschkulisse heraushören können. Ganz praktischen Nutzen verspricht zudem die Entwicklung eines Borkenkäfer-Frühwarnsystems – durch Aufnahme der Fraßgeräusche.

Ein Prototyp zur Borkenkäfer-Detektion wurde voriges Jahr bereits mit Erfolg an befallenem Totholz getestet. „Den Prototypen haben wir im Winter unter Laborbedingungen optimiert“, erläutert Peter Knebel. Ein Feldversuch im Nationalpark steht aus. „Die Ranger müssen uns jetzt ein passendes Gebiet mit Borkenkäferbefall zeigen.“ Das Ziel lautet, für die Fraßgeräusche Schwellenwerte zu definieren, deren Überschreitung dann ein Signal auslöst und so frühzeitige Gegenmaßnahmen in den betroffenen Beständen ermöglicht. Entsprechende Forschungsvorhaben laufen laut Knebel auch in Freiburg, Göttingen und Dresden.

Beim Herausfiltern der Laute einzelner Tierarten aus der Geräuschkulisse haben sich die Forscher zunächst den Rothirsch vorgenommen, da dessen Brunftschreie sehr typisch sind und von der KI nach Knebels Angaben bereits mit über 90-prozentiger Trefferquote identifiziert werden können. Der Hirsch soll allerdings nur der Anfang sein. Auf lange Sicht könnte sogar eine öffentlich zugängliche Datenbank mit Tierstimmen aus dem Nationalpark entstehen. Zumindest eine Aufnahme des Nationalpark-Wappentiers ist bereits gelungen: In einem Totholz-/Reisighaufen ließ sich eine Wildkatze vernehmen, die durch die zeitgleiche Aufnahme einer Wildtierkamera vom Nationalparkamt eindeutig identifiziert werden konnte.

Der „Soundscape ecology“ geht es aber in erster Linie um eine Analyse der regionalen Geräuschkulisse in ihrer Gesamtheit, den spezifischen akustischen Fingerabdruck. Die Soundscapes sind dabei wie der Untersuchungsraum selbst kontinuierlichen Veränderungsprozessen unterworfen. Langzeituntersuchungen dokumentieren daher die Folgen der Klimaveränderungen ebenso wie die menschlichen Einflüsse beispielsweise durch Veränderungen in der Landnutzung.

Auch kurzfristige Veränderungen durch menschengemachte Störungen sind erkennbar. So haben die Forscher festgestellt, dass sich die Tiere nach Silvester zwei bis drei Tage lang deutlich stiller verhalten, bevor der Nationalpark wieder zu seinem Klang zurückfindet.

Den Forschungsband findet man online über: www.nlphh.de/forschungsband

Zur Info

Die relativ junge Wissenschaftsdisziplin „Soundscape ecology“ hat ihre Ursprünge in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Begriff geht auf den kanadischen Kommunikationswissenschaftler und Komponisten Murray Schafer zurück, der von einer systemischen Wechselwirkung zwischen akustischer, natürlicher und soziokultureller Umwelt ausging. Der US-Amerikaner Bernhard Krause differenzierte den Ansatz in der Folgezeit mit der Unterscheidung zwischen von Menschen erzeugten Geräuschen (anthrophon), von nichtmenschlichen Lebewesen (biophon) und von der unbelebten Umgebung, etwa Wind oder Wasser (geophon), erzeugten Geräuschen. Das Zusammenspiel solcher Geräusch- und Klangquellen bildet den jeweils charakteristischen „Soundscape“ einer Lokalität oder Region.

Hintergrund

Wissenschaftliche Umweltbeobachtungen und -forschung, wie auch die Dokumentation der Ergebnisse, sind eine der Aufgaben in Nationalparks. Das Nationalparkamt hat aber keine eigene Forschungsabteilung, sondern es koordiniert und moderiert Forschungsvorhaben und stößt diese an. Nahezu alle Hochschulen und Universitäten aus Rheinland-Pfalz, Saarland und auch darüber hinaus sind im Forschungsverbund um den Nationalpark eingebunden, ebenso die Ressortforschungsanstalten der Länder Rheinland-Pfalz (FAWF in Trippstadt), Baden-Württemberg (FVA Freiburg) und Niedersachsen (NW FVA) sowie Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz.

Das Nationalparkamt engagiert sich auf Bundesebene in der Arbeitsgruppe „Forschung“ der Nationalen Naturlandschaften und im Netzwerk für Langzeitmonitoring. Neben vielfältigen naturwissenschaftlichen und ökosystemaren Ansätzen geht man auch sozioökonomischen Fragen nach.

Roehrender Hirsch @Konrad Funk
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