"Ich möchte mir ein zweites berufliches Standbein aufbauen."

Viktoria
  • Welche Ausbildung haben Sie?
    Ich habe Soziologie, Ethnologie, Psychologie auf Magister studiert und später noch mal einen Master in Conflict, Security and Development gemacht. D.h. ich komme aus einer völlig anderen Fachrichtung.
  • Sind Sie zurzeit berufstätig?
    Ich bin Doktorandin und schreibe meinen Doktor, finanziert durch ein Stipendium von der Hans-Böckler-Stiftung. Davor habe ich über zwei Jahre, von November 2008 bis Ende Dezember 2010, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld gearbeitet.
  • Bitte beschreiben Sie kurz die Art Ihrer Tätigkeit.
    Ich promoviere zu E-Partizipation, dabei betrachte ich, inwiefern auch benachteiligte Gruppen von E-Partizipation profitieren können. E-Partizipation ist die politische Nutzung des Internets (z.B. Teilnahme an politischen Diskussionsforen im Internet, Beteiligung an Protest-Email-Kampagnen oder an E-Petitionen, Schreiben von politischen Blogs usw.) und ist ein Teilbereich des Forschungsfelds zu E-Demokratie, also der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für demokratische Prozesse und für eine verstärkte politische Einbeziehung von Bürger/-innen. Ich arbeite hauptsächlich mit statistischen Daten (aus großen Survey-Befragungen) und statistischen Auswertungsmethoden.
  • Bitte beschreiben Sie die Berührungspunkte Ihrer Tätigkeit zur Informatik näher.
    Aus der obigen Beschreibung meines Promotionsthemas wird deutlich, dass aufgrund der immer größeren Durchdringung der Gesellschaft durch Informations- und Kommunikationstechnologien diese auch zum Forschungsgegenstand von Gesellschaftswissenschaften werden. Ich wollte mich im interdisziplinären Forschungsfeld "Gesellschaft und Informations- und Kommunikationstechnologien" u.a. dadurch besonders profilieren, dass ich neben sozial- und politikwissenschaftlichen Kenntnissen auch ein vertieftes Verständnis der Technologien mitbringe, das ich mir durch das Fernstudium Informatik erwerben möchte. Die Verknüpfung von Wissen aus beiden Bereichen soll mir außerdem ermöglichen, die gesellschaftlichen Potentiale und Nutzungsmöglichkeiten der Technologien besser einschätzen zu können. Das ist auch deshalb wichtig, weil in zahlreichen Forschungsprojekten in diesem Bereich Informatiker und Sozialwissenschaftler zusammenarbeiten, was sich manchmal als schwierig gestaltet, da die Disziplinen so unterschiedlich sind.
    Ich wollte also durch meine Doppelausbildung auch gewissermaßen als Brücke in dem interdisziplinären Forschungsfeld fungieren. Außerdem möchte ich unter Umständen an der Entwicklung neuer technologischer Anwendungen für die E-Demokratie mitwirken. Davon abgesehen ermöglicht mir das Informatikstudium auch, ein zweites Standbein aufzubauen. Falls es mit der wissenschaftlichen Karriere nicht klappt oder ich vielleicht irgendwann merke, dass ich nicht länger im wissenschaftlichen Bereich arbeiten möchte, ermöglicht mir das Informatikstudium hoffentlich einen Berufseinstieg als Informatikerin, wobei ich hierfür mehr Praxiserfahrung bräuchte.
  • Empfinden Sie Ihre derzeitige Tätigkeit als interessant?
    Ja, sehr!
  • Warum haben Sie sich entschlossen, Informatik zu studieren?
    Ich möchte ein vertieftes Verständnis von Informations- und Kommunikationstechnologien erwerben, um in meinem Forschungsfeld (E-Demokratie) voranzukommen. Weiterhin möchte ich in der Lage sein, an der Entwicklung neuer E-Demokratie-Anwendungen mitzuwirken. Außerdem will ich mir ein zweites Standbein aufbauen.
  • Warum haben Sie sich für ein Fernstudium entschieden?
    Ich hätte ein reguläres Informatikstudium als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin nicht bewältigen können. Das Fernstudium bietet mir die Möglichkeit, das Informatikstudium neben meiner Haupttätigkeit zu machen. Für ein reguläres Studium hätte ich außerdem keine Finanzierung, da man kein Bafög und meist auch kein Stipendium für ein Zweitstudium bekommt.
  • Warum haben Sie sich für ein Studium bei der ZFH/Hochschule Trier entschieden?
    Bei der Recherche im Internet bin ich auf das Angebot der Hochschule Trier gestoßen und mir erschien das Fernstudium, wie es konzipiert war, auf einem ausreichend hohen Niveau.
  • Hatten Sie im Vorfeld des Studiums Bedenken, ob Sie das Studium überhaupt beginnen sollen bzw. ob Sie das Studium schaffen?
    Ja, sehr große Bedenken. Ich komme aus einem völlig anderen Fachbereich (Gesellschaftswissenschaften) und hatte daher überhaupt keine Vorkenntnisse für das Fach Informatik. Ich wusste nur, wie anspruchsvoll und schwierig ein Informatik-Studium ist, u.a. durch einen guten Bekannten, der Informatik in Aachen studiert hat. Ich hatte also ernsthafte Bedenken, dass ich das überhaupt schaffen kann, zumal neben Beruf und Promotion und ohne Vorwissen.
  • Erwarten Sie, dass sich Ihre Berufstätigkeit durch das Informatikstudium verändert?
    Ich hoffe, dass mir das Informatikstudium ein zusätzliches außergewöhnliches Forschungsprofil auf meinem Forschungsfeld verleiht und ich dadurch bessere Möglichkeiten habe, mich als Wissenschaftlerin längerfristig zu etablieren, inkl. Gehalt, Prestige, interessante Tätigkeiten und mehr Anerkennung usw.
  • Wie viel Zeit bringen Sie wöchentlich für das Studium auf?
    Im Durchschnitt ca. 20 Stunden pro Woche, aber das schwankt. So bringe ich z.B. mehr Zeit auf, wenn ich vor dem Abgabetermin Einsendeaufgaben bearbeiten muss, oder vor den Prüfungen. Insgesamt hätte ich gerne mehr Zeit, um mich dem Informatikstudium zu widmen.
  • Ist es schwierig, sich in die Informatikinhalte einzulesen?
    Ja, es ist sehr schwierig, zumal ich aus einem völlig anderen Arbeitsfeld komme. Hilfreich sind dann insbesondere Tutorien, die bei einigen Modulen angeboten werden, sowie zusätzliche Literatur.
  • Was gefällt Ihnen gut am Fernstudium, wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
    Gut: Gut finde ich die große Selbstbestimmung, die man im Fernstudium hat. Sehr ansprechend finde ich auch das Modul-Angebot und dass die Module häufig aufeinander aufbauen. Ich bewerte außerdem die Tutorien sehr positiv und finde sehr gut, dass die meisten Module mit einer Praktikumswoche abschließen, in der das Wissen nochmal vertieft und angewendet wird. Gut finde ich auch das Niveau des Studiums, anspruchsvoll aber doch zu bewältigen.
    Verbesserungsbedarf: Das Lehrmaterial finde ich manchmal nicht so gut, da schwer verständlich und außerdem auch unvollständig, weshalb es immer notwendig ist zusätzliche Literatur hinzuziehen, um sich die Materie zu erschließen. Vielleicht wäre es teilweise sinnvoller die Module anhand bestehender Lehrbücher auszurichten. Es ist außerdem schade, dass es nicht zu allen Modulen Tutorien gibt.
  • Wie reagiert Ihr Umfeld auf das Studium?
    Insgesamt sehr überrascht und verwundert, teilweise mit dem Versuch mich davon abzubringen (z.B. früherer Arbeitgeber), teilweise aber auch bewundernd und anerkennend (z.B. Freunde und Familie).
  • Unterstützt Ihre Familie Sie, um Ihnen Freiräume für das Studium zu schaffen?
    Mein Partner unterstützt mich in dieser Hinsicht auf jeden Fall.
  • Wie binden Sie das Studium in Ihren Tagesablauf ein?
    In freier Zeit (z.B. Zugfahren) oder abends 2-3 Stunden versuche ich jeden Tag einen Teil des Lehrmaterials durchzuarbeiten. Am Wochenende vor dem Abgabedatum, bearbeite ich meist die Einsendeaufgaben. Ca. drei Wochen vor der Prüfung arbeite ich dann jeden Abend mehrere Stunden das Material noch einmal durch.
  • Wie wirkt sich das Studium auf die Zeit aus, die Sie mit der Familie verbringen?
    Da ich zurzeit "nur" in einer Partnerschaft lebe, jedoch keine Kinder habe, ist das in Ordnung. Ich habe trotz Fernstudium und Promotion ca. zwei Mal die Woche Zeit für meinen Partner und/oder Freunde, um z.B. einen gemeinsamen Abend zu verbringen.
  • Würden Sie anderen Frauen empfehlen, eine Tätigkeit im Informatik-Bereich anzustreben?
    Ja, auf jeden Fall. Informatik ist ein sehr spannendes, faszinierendes und kreatives Fach. Man muss da nur seine Ängste überwinden, denn offenbar neigen viele Frauen dazu Informatik als etwas anzusehen, das einfach nicht zu bewältigen ist. Doch Informatik ist machbar, wenn man sich anstrengt und dafür begeistert. Die Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen außerdem immer mehr unser Leben und unsere Gesellschaft, da wäre es wichtig, dass auch Frauen an der Entwicklung dieser Technologien mitwirken und das nicht allein den Männern überlassen.
    Möglicherweise hätte ich mich damals nach dem Abitur gleich für Informatik entschieden, wenn ich zum einen vertrauter im Umgang mit Computern gewesen wäre. Meine Mutter war damals eher negativ gegenüber den neuen Technologien eingestellt, es dauerte lange, bis sie sich überreden ließ, einen Computer zu kaufen und dem Internet hatte sie sich ganz verweigert. Erst im Studium lernte ich den kompetenten Umgang mit Computer und Internet. Ich wurde außerdem so erzogen, dass sich Männer um die Technik kümmern. Außerdem wurde man als Mädchen in der Schule ständig von Lehrern und Mitschülern mit dem Klischee konfrontiert, Frauen sind gut und interessiert an Sprachen und Sozialem und vielleicht noch an Biologie, weil das was mit dem Leben zu tun hat, während Männer gut und interessiert sind an Naturwissenschaften und Technik. Viele Frauen verinnerlichen das und haben dann Angst etwas zu beginnen, worin sie angeblich keine Begabung haben. Man sollte sich aber nicht entmutigen lassen.