Campus Gestaltung

Vortrag "Zusammen in Widersprüchen" von Jochen Becker, metroZones/Berlin

Urbane Kulturen, Urbane Praxis: Für eine Stadtentwicklung der Vielen

Überall schwinden Strukturen einer wohlfahrtsstaatlichen Versorger-Moderne: Garantien auf ein Leben in Würde treten außer Kraft, temporäre Zwischennutzungen treten an Stelle langfristig garantierter Strukturen, Quartiersmanager sollen Innenstädte vor Absturz und Aufstand bewahren, während kommunale Dienste ausverkauft werden. Mancherorts wird der Ausnahmezustand zum Normalfall. In diesen Umbrüchen liegen aber auch Chancen.

Wenn heute die „Metropole sozusagen eine Fabrik zur Produktion des Gemeinsamen“ ist, wie Michael Hardt und der Toni Negri in ihrem Buch Common Wealth ausführen, erlaubt dies einen neuen Blick auf urbane Konditionen: In Berlin, Hamburg und anderswo lässt sich zur Zeit verfolgen, dass vernetzte städtische Initiativen (Park Fiction, Kotti & Co.) bei Bürgerentscheiden (100% Tempelhofer Feld, Deutsche Wohnen enteignen) obsiegen, dabei Gesetze umschreiben, Bebauungspläne konstruktiv kippen, Geflüchtete notgedrungen handgeschriebene Vereinbarungen mit der Politik aushandeln und insgesamt den administrativen Trott der Dinge ändern können. Das städtische Handeln der vielen Initiativen, die schon alleine für die Erlangung der notwendigen Referendums-Stimmen, aber oft auch aus tiefer Verzweiflung sich zu breiten und transkulturellen Bündnissen zusammenschließen, verweben sich zu einem neuen „urban citizenship“: Eine Bürgerschaft der Bevölkerung mit dem langen Atem der Einarbeitung in komplizierte Themen und dem hartnäckigen Willen, die notwendigen Schritte politisch wie auch auf der Straße durchzusetzen. Die Stadt wird zu einer Fabrik für die Produktion des Gemeinsamen.

About
Jochen Becker, Autor, Lehrender und Kurator, der in Berlin und Stockholm lebt. Er ist Gründungsmitglied von metroZones – Center for Urban Affairs, und Herausgeber zahlreicher Publikationen, einschließlich BIGNES? (2001), Kabul/Teheran 1979ff (2006) und Urban Prayers (2011). Er (ko)kuratierte Ausstellungen wie The Urban Cultures of Global Prayers (2012/2013, nGbK, Berlin, Camera Austria, Graz) und Self Made Urbanism Rome (2013nGbK Berlin; 2014, Rom). Er war künstlerischer Leiter des Global Prayers Project am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Im Jahr 2014 begann er im Rahmen eines postgraduierten Studienganges in Kunst und Architektur am Royal Institute of Art in Stockholm zu unterrichten.

Ort: Brotstraße 47, 54290 Trier
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