
Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Arbeitswelt rasant. Viele Studieninteressierte fragen sich deshalb: Lohnt sich ein Informatikstudium überhaupt noch? Werden Programmiererinnen und Programmierer durch KI ersetzt? Und welche Kompetenzen sind künftig gefragt? Darüber sprechen wir mit Prof. Dr. Georg Rock und Prof. Dr. Thomas Hartmann vom Fachbereich Informatik der Hochschule Trier.
Herr Professor Rock, wie beurteilen Sie aktuell die Berufschancen für IT-Berufseinsteiger und welche Rolle spielt KI dabei?
Die Berufschancen für IT-Einsteigerinnen und IT-Einsteiger sind weiterhin sehr gut. Denn Unternehmen können sich nicht den Fehler erlauben, dass sie durch KI künftig auf IT-Nachwuchskräfte verzichten. Wer heute keine Junior-IT-Fachkräfte einstellt, schneidet letztlich die Entwicklung vom Berufseinsteiger zur erfahrenen Fachkraft ab. Die Junioren von heute sind aber die dringend benötigten Senior-Entwickler von morgen.
KI verändert die Arbeit, ersetzt aber nicht die gesamte Softwareentwicklung. Wenn wir über den Einsatz von KI reden, wird oft nur auf das Programmieren geschaut. Tatsächlich umfasst Softwareentwicklung aber viel mehr: Anforderungen verstehen, Ziele definieren, Architekturen entwerfen, Risiken bewerten und Lösungen fachlich einordnen. Dafür braucht es weiterhin hervorragend ausgebildete Informatikerinnen und Informatiker, die die geforderten Kompetenzen bei uns im Studium lernen.
Herr Professor Hartmann, wie wirkt sich KI konkret auf typische Einstiegspositionen in der IT aus?
Hier sehe ich die größten Veränderungen. Früher begann man als Berufseinsteiger häufig mit eher einfachen Programmieraufgaben und arbeitete sich schrittweise zu komplexeren Themen vor. Viele dieser Standardaufgaben lassen sich heute bereits automatisieren. Deshalb werden Berufseinsteiger deutlich schneller mit anspruchsvolleren Fragestellungen konfrontiert.
Das bedeutet aber nicht, dass Programmierkenntnisse unwichtiger werden. Im Gegenteil: Wer verstehen möchte, was KI erzeugt, muss programmieren können. Unternehmen müssen die Verantwortung für ihre Software übernehmen. Die Fähigkeit von Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Ergebnisse zu beurteilen, Fehler zu erkennen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, wird sogar deshalb sogar wichtiger als früher.
Herr Professor Rock, immer häufiger hört man den Begriff „Vibe Coding“, der eine Form der Softwareentwicklung durch natürliche Sprache über Prompts in großen Sprachmodellen beschreibt. Welche Vorteile haben Informatikerinnen und Informatiker dabei gegenüber Laien?
Es gibt eine Studie, die zeigt, dass KI auch ohne tiefes technisches Wissen erstaunlich gute Ergebnisse liefern kann. Für kleine Apps mag das funktionieren.
Sobald jedoch professionelle Systeme entstehen, die Kunden nutzen, bei denen möglicherweise Vertragsstrafen entstehen können oder von deren Funktionieren potentiell auch Menschenleben abhängen – wie kritische Infrastrukturen, zum Beispiel in der Energieversorgung – braucht es Fachkräfte, die Verantwortung übernehmen können. Dort reichen reine Prompting-Kenntnisse nicht aus.
Herr Professor Hartmann, welche Fähigkeiten werden in Zukunft besonders wichtig sein?
Überraschenderweise sind es in der Praxis vor allem die klassischen Informatik-Grundlagen. Kenntnisse über Algorithmen, Datenstrukturen, Softwareentwicklung und auch das Programmieren werden durch KI wichtiger, nicht unwichtiger.
Denn genau diese Fähigkeiten ermöglichen es, die Qualität von KI-generiertem Code zu beurteilen. Wer die Grundlagen beherrscht, kann erkennen, ob eine Lösung tatsächlich sinnvoll, effizient und sicher ist.
Herr Professor Rock, wie gut sind Studierende heute auf den praktischen Einsatz von KI vorbereitet und wie bereiten wir sie im Fachbereich Informatik darauf vor?
An unserem Fachbereich Informatik beschäftigen wir uns intensiv mit diesem Thema. Wir bieten Schulungen zur KI-Kompetenz für Verwaltung, Studierende oder Wissenschaftler an und haben entsprechende Inhalte selbstverständlich auch in den Studiengängen verankert. Dazu gehören neue Module wie „Einführung in die Künstliche Intelligenz“ oder weiterführende KI-Veranstaltungen.
Wichtig ist uns jedoch nicht nur die Nutzung von KI, sondern auch das Verständnis dahinter. Studierende lernen, wie KI-Systeme arbeiten, warum sie Fehler machen können und wie man ihre Ergebnisse bewertet. Letztlich sind alle Fächer in unserem Informatikstudium durch KI beeinflusst.
Außerdem thematisieren wir Risiken wie Datenschutz, Halluzinationen oder das sogenannte De-Skilling, also den schleichenden Verlust eigener Fähigkeiten durch eine zu starke Abhängigkeit von KI.
Unsere Studiengänge kombinieren Informatik-Grundlagen mit individuellen Schwerpunktmöglichkeiten. Alle Studierenden erwerben einen gemeinsamen Kern an Kompetenzen, der für die spätere Berufspraxis wichtig ist.
Was wir den Studierenden auch beibringen, ist analytisches Denken und die Fähigkeit, Probleme richtig zu verstehen. Eine der wichtigsten Fragen wird künftig oft lauten: „Brauchen wir für dieses Problem überhaupt KI?“ Nicht jede Aufgabe lässt sich sinnvoll mit KI lösen.
Herr Professor Hartmann, ist KI für Berufseinsteiger eher Chance oder Risiko?
Beides. Für gut ausgebildete Fachkräfte bietet KI enorme Chancen. Kleine Teams können heute Projekte umsetzen, die früher deutlich mehr Personal benötigt hätten. Gleichzeitig steigen aber auch die Erwartungen. Berufseinsteiger müssen früher Verantwortung übernehmen und komplexere Probleme lösen können. Um die Chancen, die der Einsatz von KI birgt, zu erreichen, muss sie jedenfalls immer reflektiert eingesetzt werden, sodass wichtige Kompetenzen der Menschen nicht abgebaut werden, wenn Aufgaben an KI delegiert werden.
Herr Professor Hartmann, entstehen durch KI neue Berufsbilder?
Vor allem verschieben sich bestehende Tätigkeiten. Wie schon erwähnt, können kleine Teams durch KI sehr leistungsfähige Software entwickeln. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Start-ups und innovative Unternehmen. Komplette Berufsbilder verschwinden meiner Meinung nach eher selten. Viel häufiger verschieben sich Aufgaben und Arbeitsweisen. Besonders spannend werden Tätigkeiten an der Schnittstelle von Informatik, KI und anderen Fachbereichen. Und genau das ist unsere Stärke als Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit unseren praxisnahen und gleichzeitig wissenschaftlich fundierten Informatik-Studiengängen.
Zum Abschluss: Was ist Ihr wichtigster Rat an Studieninteressierte?
Rock:
Wer die Grundlagen beherrscht, KI als Werkzeug versteht und ihre Ergebnisse kritisch beurteilen kann, wird auch in einer von KI geprägten Arbeitswelt hervorragende Chancen haben.
Mein Rat lautet: Lernt euer Handwerk, nutzt KI intensiv, aber gebt das eigene Denken nicht auf.
Hartmann:
Dem kann ich mich nur anschließen. Versteht die Grundlagen, versteht die KI und lernt, beides sinnvoll miteinander zu verbinden. Genau darin wird künftig der Unterschied liegen.



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