
Urban Mining Student Award 2025/26: Innovative Konzepte für eine nachhaltige Zukunft
Die bergische Universität Wuppertal ruft regelmäßig im Rahmen des Urban Mining Student Award einen Wettbewerb aus, der darauf abzielt, Konzepte, Ideen und Strategien zur Förderung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Die Teilnehmer sollen Entwürfe und Konstruktionen für Neubauten, Umbauten und Erweiterungen unter besonderer Berücksichtigung der Umwelt- und Ressourcenschonung erstellen.
"Stoff.Wechsel: Hand.Werk.Stadt - Die neue Tuchfabrik!
Im Rahmen des Urban Mining Student Award 2025/26 wurde eine kreative Visionen für eine nachhaltige und zukunftsweisende Umnutzung der Tuchfabrik Hardt & Pocorny in Radevormwald gesucht – einem historischen Fabrikareal mit großem städtebaulichem Potenzial. Die diesjährige Aufgabenstellung verbindet generationenübergreifendes Wohnen, gewerbliche Nutzungen und die Integration einer Ausbildungsstelle für Handwerksberufe. Damit soll ein Ort entstehen, an dem Wohnen und Arbeiten in unmittelbarer Nachbarschaft stattfinden und neue Impulse für eine Renaissance des Handwerks gesetzt werden. Ziel ist es, ein tragfähiges Nutzungskonzept zu entwickeln, das ökologische, soziale und ökonomische Aspekte in einem zukunftsfähigen Gesamtkonzept vereint. Gesucht werden innovative Ideen zur kreislaufgerechten Transformation und Vitalisierung des Bestands – mit Blick auf Ressourcenschonung, städtische Nachverdichtung und soziale Durchmischung.



Kette. Schuss. Knoten I Ein neues Gewerbe für Radevormwald.
Das ehemalige Fabrikareal an der Wupper wird als historischer Produktionsort mit materieller und räumlicher Tiefe verstanden. Die vorhandenen Gebäude, ihre industrielle Geschichte sowie die über Jahrzehnte gewachsenen baulichen Schichten bilden die Grundlage für die Transformation des Areals. Der Entwurf begreift den Bestand dabei nicht als statisches Relikt, sondern als Ressource, die räumlich, konstruktiv und materiell weiterentwickelt werden kann.
Ausgangspunkt des Entwurfs ist das Prinzip der Tuchproduktion. Textile Flächen entstehen aus dem Zusammenspiel von Kette, Schuss und Knoten. Die Kette spannt das Gewebe und gibt ihm Richtung und Halt. Der Schuss durchzieht diese Ordnung und verbindet die einzelnen Fäden miteinander. Die Knoten fixieren und stabilisieren das Gefüge und verdichten es an bestimmten Punkten.
Diese drei Prinzipien werden im Entwurf als räumliches Leitbild gelesen und auf den Ort übertragen. Bestehende Gebäudestrukturen bilden die grundlegende Ordnung des Areals, neue Wege und Verbindungen durchziehen dieses Gefüge und zentrale Bindewerke verknüpfen unterschiedliche Nutzungen miteinander. Auf diese Weise entsteht eine räumliche Struktur, die sowohl den industriellen Charakter des Ortes bewahrt als auch neue Nutzungen ermöglicht. So entwickelt sich ein Quartier, in dem Wohnen, Handwerk und Ausbildung eng miteinander verwoben sind. Bestehende Gebäude werden weitergenutzt, Materialien werden wiederverwendet und neue Räume werden behutsam ergänzt. Re-Use, gemeinschaftlich nutzbare Räume und flexible Gebäudestrukturen ermöglichen einen ressourcenschonenden Umgang mit dem Bestand und knüpfen an die Prinzipien des Urban Mining an. Handwerkliche Ausbildungsstätten, Werkstätten und gemeinschaftliche Produktionsorte werden bewusst in das Quartier integriert und mit Wohnen, Arbeiten und öffentlichen Nutzungen verknüpft. Dadurch entstehen Orte des Lernens, des Austauschs und der Zusammenarbeit, in denen handwerkliches Wissen sichtbar wird und in den Alltag des Quartiers eingebunden ist.
Der Ort wird dabei nicht neu überformt, sondern aus seiner eigenen Geschichte heraus weiterentwickelt. Die Transformation versteht sich als fortlaufender Prozess, der die industrielle Identität des Areals sichtbar hält und gleichzeitig neue Formen des Arbeitens, Lernens und Zusammenlebens ermöglicht.
Kette - Die bestehenden Gebäudereihen bilden die grundlegende Struktur des Areals. Sie orientieren sich an zwei übergeordneten Erschließungsebenen und gliedern das Gelände in gestaffelte Reihen entlang der Wupper. Als „Kette“ spannen sie das räumliche Gerüst des Quartiers.
Schuss - Durch punktuelle Eingriffe in den Bestand entstehen neue Freiräume für Freitreppen. Diese verknüpfen Werkhöhe und Tuchpassage und erweitern die ehemals rein lineare Fabrikstruktur um eine vertikale Erschließung. Historische Schleusen werden neu interpretiert und verbinden die Ebenen intern.
Knoten - An den Schnittpunkten dieser Wege entstehen Bindewerke als räumliche Knotenpunkte. Hier bündeln sich Erschließung, gemeinschaftliche Räume und Werkstätten. Diese verbinden die verschiedenen Nutzungen des Quartiers.


Freiraum I Wasser I Material
Die Freiraumgestaltung stärkt gezielt Flora und Fauna und entwickelt das ehemalige Industrieareal zu einem ökologisch wirksamen Stadtraum weiter. Entlang der Wupper werden versiegelte Randbereiche geöffnet und als lebendige Uferzonen mit vielfältigen Lebensräumen reaktiviert.
Das Biodiversitätsdach wird als Mikroökosystem ausgebildet: variierende Substrathöhen, Sandlinsen und Kiesflächen schaffen unterschiedliche Lebensräume, temporäre Wasserflächen verbessern das Wasserangebot, trockenrasenähnliche Vegetation fördert die Artenvielfalt. Ergänzt wird dies durch Insektennisthilfen, Totholzstrukturen und in die Attika integrierte Vogelnistkästen. Niederschlagswasser wird gezielt auf dem Gelände zurückgehalten und versickert. Versickerungsfähige Beläge, Vegetationsflächen und Dachbegrünungen reduzieren den Oberflächenabfluss und ermöglichen eine natürliche Regenwasserversickerung.
Der Rückbau erfolgt als selektiver Materialrückbau. Ziegel werden für neue Gewölbe- und Mauerwerkskonstruktionen wiederverwendet, Holzbalken möglichst direkt weitergenutzt oder zu Dielen und Holzfaserdämmplatten verarbeitet. Stahlbauteile werden in neue Tragwerke integriert. Bodenaushub verbleibt auf dem Gelände und wird für Biodiversitätsdächer genutzt.
Von der Spur zur Struktur.
Die Transformation des Areals versteht sich nicht nur als räumliche, sondern auch als materielle Weiterentwicklung des Bestands. Angesichts begrenzter Ressourcen, steigender Bauemissionen und wachsender Materialverbräuche gewinnt die Wiederverwendung vorhandener Baustoffe zunehmend an Bedeutung. Der Entwurf greift diesen Gedanken auf und versteht das Projekt als Teil eines größeren regionalen Materialkreislaufs. Bestehende Bauteile werden dabei nicht als Abfall betrachtet, sondern als Ressource, die in einem neuen baulichen Zusammenhang weiterverwendet werden kann.
Statt ausschließlich neue Baustoffe einzusetzen, wird gezielt nach Materialien gesucht, die bereits vorhanden sind, in großen Stückzahlen verfügbar sind und konstruktiv weiter genutzt werden können. Dadurch wird nicht nur der Materialverbrauch reduziert, sondern auch die industrielle Geschichte der Region in die neue Architektur integriert. Der Entwurf verbindet damit räumliche Transformation und materielle Weiterverwendung zu einem gemeinsamen Konzept.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Bahnstrecke zwischen Köln, Wuppertal und Hagen, die im Zuge der geplanten Streckenerneuerung in den kommenden Jahren abschnittsweise erneuert wird. Im Rahmen dieser Arbeiten werden große Mengen an Infrastrukturbauteilen ausgebaut, die technisch noch vollständig nutzbar sind. Dazu gehören insbesondere Stahlschienen, die aufgrund ihrer hohen Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit als konstruktive Elemente im Neubau eingesetzt werden können. Die ausgebauten Schienen werden im Projekt als tragende Elemente des neuen Werkstattgebäudes weiterverwendet und bilden die Grundlage für das Tragwerk der Ausbildungswerkstätten. Durch ihre Wiederverwendung entsteht eine Konstruktion, die sowohl konstruktiv sinnvoll als auch materiell nachvollziehbar ist. Auch weitere Elemente der Bahninfrastruktur werden in den Entwurf integriert. Metallische Bahnschilder, die entlang der Bahnstrecke verwendet werden, werden zu Fassadenelementen weiterentwickelt und bilden eine hinterlüftete Gebäudehülle. Ihre industrielle Materialität bleibt dabei sichtbar und verweist auf die Herkunft der verwendeten Bauteile.
Auf diese Weise entsteht ein Gebäude, dessen Konstruktion direkt aus vorhandenen Materialien entwickelt wird. Infrastrukturbauteile erhalten eine neue Funktion und werden in einen architektonischen Zusammenhang überführt. Der Gedanke des Urban Mining wird damit nicht nur konstruktiv umgesetzt, sondern auch räumlich und gestalterisch sichtbar gemacht.




Preisträger*innen
1. Preis - Katharina Frescher, Julius Gasper
Betreut durch
Prof. Petra Riegler-Floors
Lehrgebiet Zirkuläres Bauen, Konstruktion und Material
Modul:
MA Vertiefung
Die Jury würdigte den Beitrag als „herausragend" in seiner konzeptionellen Stringenz, konstruktiven Präzision und räumlichen Qualität: Der Bestand der ehemaligen Tuchfabrik wird hier nicht nur weitergenutzt, sondern in eine neue räumliche und konstruktive Ordnung überführt. Das Leitmotiv der Webkunst – Kette, Schuss, Knoten – übersetzt das Team in ein architektonisches Prinzip, das die lineare Struktur der Fabrik zu einem urbanen Gefüge weiterdenkt. Hervorgehoben wurde neben dem Einsatz vorhandener Bahnschienen als tragende Bauelemente, der bewundernswerte hohe Anteil wiederverwendeter Bauteile.

Weitere Infos zu den Preisträger*innen und dem Wettbewerb:
https://www.urbanminingstudentaward.de/index.php?id=23
Bildnachweis: www.agn.de/fileadmin/Artikel/UMSA_LogoPlakat_final.jpg

Materialherkunft und Re-Use
Die konstruktive Strategie des Entwurfs knüpft an die industrielle Bauweise des Areals an und entwickelt diese mit vorhandenen Materialien weiter. Bestehende Bauteile werden rückgebaut, neu gefügt und in andere konstruktive Zusammenhänge überführt.
So entstehen Tragwerke, Decken und Fassaden aus Elementen, die bereits Teil der baulichen oder infrastrukturellen Umgebung sind. Auch Materialien aus rückgebauten Gebäuden der näheren Umgebung werden aufgenommen und im Projekt weiterverwendet. Der Entwurf greift damit vorhandene Materialstrukturen auf und führt sie in einer neuen architektonischen Form weiter.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie einzelne Bauteile durch Rückbau, Neuordnung und Kombination zu einer konstruktiven Einheit werden.
Fachwerkträger I Aus Alt wird Neu
Das bestehende Dachtragwerk der Hallen wird rückgebaut und in seine Einzelteile zerlegt.
Aus den gewonnenen L-Winkeln und IPE-Trägern entsteht ein neuer Fachwerkträger, der das Biodiversitätsdach der Werkstatt überspannt und trägt.
So werden vorhandene Stahlprofile konstruktiv weiterverwendet und in ein neues Tragwerk überführt.
Kappendecke I Neuinterpretation
Im Areal der ehemaligen Tuchfabrik finden sich zahlreiche historische Kappendecken als Teil der industriellen Bauweise.
Für die Werkstatt wird dieses Prinzip neu interpretiert: Bahnschienen übernehmen die tragende Funktion der Träger.
Zwischen ihnen werden wiederverwendete Ziegel zu flachen Gewölbekappen gespannt und bilden die neue Decke.
Unterzug I Fügung
Die Hauptunterzüge entstehen aus zwei gespiegelten UIC60-Schienen, die miteinander verschweißt werden und so eine hohe Tragfähigkeit erreichen. Zwischen diesen Unterzügen spannen S49-Schienen als Nebenträger und bilden die sekundäre Tragstruktur der Decke. Auf ihnen lagern die Ziegelkappen und leiten die Lasten aus der Kappendecke in die Hauptträger weiter.
Stützen I Positionierung
Die vertikale Tragstruktur entsteht aus zusammengeschweißten Bahnschienen.
Je nach Position werden zwei Schienen in der Ecke, drei an der Außenwand oder vier freistehend angeordnet.
Außenwand I Re-Use Fassade
Die Außenwand wird als vorgehängt, hinterlüftete Fassade ausgebildet. Auf einer leichten Unterkonstruktion werden wiederverwendete Bahn- und Straßenschilder montiert, die als äußere Bekleidung dienen. So entsteht eine robuste Materialhaut, die vorhandene Elemente neu interpretiert.


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