Gestaltung
Edelstein und Schmuck

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11.03.03 23:14 Alter: 16 Jahre

"Von der Emotion zum Entwurf"

Von: Prof. Dr. Ulrich Kern

Der nachfolgende (leicht überarbeitete) Text ist in der GZ 1/2003 erschienen. Anlass waren drei Ausstellungen mit Arbeiten von Theo Smeets und seinen Studierenden in der Galerie V+V in Wien.

Die Einladung...

der Aufbau...

alles fertig...

die Eröffnung!

Emotionen - Schlüssel zur eigenständigen Entwurfsqualität
Gewitzte Ideen und fein gesponnener Hintersinn kennzeichnen die Schmuckentwürfe des Niederländers Theo Smeets. So heißt etwa seine Kette zum Tag der Deutschen Einheit in 2002: "Yesterday News mit ab und zu ´ne Perle". Geformt sind die meisten Perlen aus Zeitungsseiten der früheren DDR-Postille "Neues Deutschland". Nur ab und zu ist eine "echte" Perle dazwischen. Ein Schelm, der dabei Böses denkt! Oder: "God", ein anderer Entwurf aus seinem "Atelier für zeitgenössischen Schmuck", ist eine Kette aus Silber, Stahl und Plastik. Sie thematisiert die sieben Untugenden des Menschen. Ein Entwurf, der irritiert, Gefühle transportiert, jedenfalls nicht kalt lässt. Wie entstehen solche Entwürfe? Der 1964 geborene Schmuckgestalter, der seine Ausbildung Anfang der 90er Jahre an der renommierten "Gerrit Rietveld Akademie" in Amsterdam abschloss, hat dafür eine einfache Erklärung: "Meine Entwürfe entstehen aus Emotionen. Kaltblütig lässt sich Schmuck nicht gestalten. Wenn Schmuck nicht verarbeitete Emotion ist, was denn dann?" Dabei sind seine Entwürfe aber nicht einfach subjektiver Reflex, sondern zeugen von präziser intellektueller Auseinandersetzung. Sie sind mehrdimensional, reizen zur Interpretation, gar zum Widerspruch. Sie kommunizieren - mittels der "Sprache der Dinge".

Credo: Perfekte Form für verborgene Sinnlichkeit
Neugier wird wach: Die Schmuckobjekte des Gestalters Smeets sind immer mehr, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Die von ihm geschaffenen Objekte bestechen durch ihre scheinbare Einfachheit und zurückhaltende Klarheit. Und sind doch vielschichtig und mehrdeutig. Die Formen sind sparsam, einprägsam, fast streng - perfekt, aber alles andere als seelenlos. Oberfläche und Material schaffen sinnlichen Reiz, wecken das Verlangen zu tasten, spüren und erfühlen. So ist das Schmuckstück, das sich einerseits kühl, ja spröde gibt, anderseits warm, offen und sinnenfroh. Seine Objekte spielen mit vermeintlichen Gegensätzen, schaffen Spannung zwischen Technik und Ästhetik und lösen sie auf: als visuelles und körperliches Vergnügen. Ein Vergnügen, das Schmuckstück und Träger als Verbündete zusammenbringt. Einen Einblick in seine eigene aktuelle Kollektion gab Smeets mit seiner Ausstellung in der Wiener Galerie V+V von 4. März bis 12. April 2003. Aber zuvor ließ er den Studierenden des Fachbereichs Edelstein- und Schmuckdesign den Vortritt: Sie zeigten dort vom 21. Januar bis 01. März 2003 ihr Können.

Kreativität an der langen Leine
Nach diesem Grundsatz fördert Theo Smeets als Lehrer die kreativen Potenziale der Studierenden. Immer steht die Ausbildung der Entwurfsqualität im Vordergrund. Technik und Metallurgie sind wichtig, gewiss, aber doch nur als Mittel zum Zweck. Auch der Aspekt der Materialwertigkeit tritt zurück. Als bewusster Kontrapunkt zur hohen Kreativität im Entwurf werden häufig betont "unedle" Materialien für Schmuck gewählt, wie etwa Horn, Pflaster, Papier, Plastik. Gerade die Schlichtheit des Materials hebt die Eigenständigkeit der kreativen Leistung hervor. Wichtig ist dabei auch, ästhetisches Erleben zu trainieren. "Dreh´ es doch mal um!" - ein einfacher Appell, mit dem Smeets dazu verleitet, in konkreten Formproblemen, aber auch in inhaltlichen Konzeptionsfragen andere Blickwinkel einzunehmen und konventionelle Betrachtung zu überschreiten. So werden etwa auch die Rückseiten oder Innenseiten des Schmucks als möglicher Teil der Bedeutungsebene einbezogen. Eine Eigenheit, die das ästhetische Erleben sinnlicher und zugleich spannender macht. Eine Herangehensweise, die sich direkt orientiert an einer monumentalen und skulpturalen Denk- und Betrachtungsweise und die sich in der Feststellung wiederfindet, dass Schmuck zunächst immer 3-dimensionales Objekt ist.

Freiraum für Schmuckgestaltung mit eigener Handschrift
In Projekten haben die Studierenden Gelegenheit, sich kreativ auszutoben. Oft wird nur ein Thema als Leitmotiv vorgegeben. Der Rest ist selbstständige Auseinandersetzung mit eigenen Assoziationen, Gefühlen und Gestaltungsideen. Smeets sieht seine Aufgabe darin, der Kreativität der Studierenden freien Lauf zu lassen, aber den Entwurfsprozess kritisch und notfalls auch korrigierend zu begleiten. Ziel ist die Ausbildung der eigenen Handschrift als Gestalter. Keine Kopie, keine Konzeptionslosigkeit! Diesem Ziel dienen auch Projekte in Zusammenarbeit mit Unternehmen. Aufgabenstellungen, die entweder völlig frei und offen oder aber durch bestimmte Vorgaben eingegrenzt sind, trainieren die Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Studierenden. Ob es sich um kreative Suchprozesse für Unternehmen handelt, um die Umsetzung von Reiseerinnerungen in Entwürfe oder die Verarbeitung eigener Lebenserfahrungen durch Gestaltung - immer geht es um die künstlerische Eigenständigkeit. Es geht um kreative Persönlichkeiten mit eigenem Profil!

Fachbereich Edelstein- und Schmuckdesign - Gestaltungsstudium mit Anspruch
Professionalität entwickeln, Projekte entwerfen, Persönlichkeiten ausbilden - mit diesem Anspruch tritt der Fachbereich Edelstein- und Schmuckdesign Idar-Oberstein auf. 1986 gegründet und seit 2002 verstärkt durch das Lehrangebot Design-Management, bietet der Fachbereich heute eine in dieser Form einmalige Ausbildung auf seinem Gebiet. Größe und Spezialisierung erlauben konzentriertes Arbeiten in persönlicher Atmosphäre. Die Zusammenarbeit in studentischen Teams ist eng, der Austausch mit Professoren und Dozenten intensiv. Das didaktische Konzept stellt den Studierenden als kreative Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Die Hochschullehrer verstehen sich als Wegbereiter und Förderer individueller Talente. Das Studienangebot kann flexibel auf den jeweiligen Bedarf zugeschnitten werden.

Grenze zwischen Design und Kunst aufheben
Als Ergebnis dieser Ausbildung entsteht oft Schmuck, der die Grenzen zwischen Design und Kunst aufhebt. Beispiele hierfür zeigten die 11 Studierenden des Idar-Obersteiner Fachbereichs in der Wiener Galerie V+V. Präsentiert werden Arbeiten aus dem Zeitraum von 2001 und 2003. Ausgestellt werden auch die Objekte dreier AbsolventInnen, die mit ihren Diplomarbeiten nicht nur für Bestnoten, sondern auch für Furore am Fachbereich sorgten. Kein Zufall ist es, dass die Galerie V+V in Wien als Ausstellungsort gewählt wurde. Die seit 1982 bestehende Galerie, geleitet von der Schmuckkünstlerin Veronika Schwarzinger, präsentiert nach eigener Aussage Künstler, die den traditionellen Begriff von Schmuck hinter sich lassen und sich in den Grenzbereich zur Objekt- und Konzeptkunst vorwagen. Ein ideales Forum für die Entwürfe der jungen Gestalter aus Idar-Oberstein!

(Verfasser Ulrich Kern)


16. Januar 2015