Gestaltung
Edelstein und Schmuck

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02.10.08 15:23 Alter: 10 Jahre

Ausstellung Bettina Speckner und Tarja Tuupanen in der Bengelstiftung

 

Zur Ausstellung von Bettina Speckner und Tarja Tuupanen in der Bengelstiftung hat Willi Lindemann, künstlerischer Leiter der Stadt Idar-Oberstein, folgende Ansprache gehalten:

 Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Bettina Speckner, liebe Tarja Tuupanen!

Es ist immer von einem besonderen Reiz, wenn zwei Künstler oder Künstlerinnen, wie in unserem Falle, eine Ausstellung bestreiten. Im Unterschied zu einer Einzel- oder auch einer Gruppenausstellung treten die beiden Protagonisten über ihr Werk in einen inneren Dialog: ihre Positionen affirmieren oder kontrastieren einander, stellen wechselseitig Fragen oder antworten sich. Und es ist überaus reizvoll, beim Betrachten der Arbeiten den manchmal eher zarten Berührungspunkten und stillen Begegnungen der Künstler und ihrer Werke nachzuspüren. Ganz selten kommt es allerdings vor, dass zwei völlig unterschiedliche künstlerische Positionen, wie wir sie im Werk von Bettina Speckner und dem von Tarja Tuupanen vorfinden, sich in einer Ausstellung fast idealtypisch komplementär gegenüber stehen. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass diese Begegnung sogar von einer der Künstlerinnen initiiert worden ist: es war Bettina Speckner, die bei der Vorbereitung der Ausstellung Tarja Tuupanen als Partnerin einzuladen gebeten hat.

Komplementär heißt in diesem Fall nicht einfach „ergänzend“, sondern  meint eine inhaltliche Bezogenheit aufeinander bei einer Unterschiedlichkeit in der Gestaltung, wie sie schon auf den ersten Blick größer nicht sein könnte. Während bei den Schmuckarbeiten von Bettina Speckner durchweg Abbildungen im Zentrum des Werks stehen und sozusagen die Grundlage der Arbeit  bilden, zeigen Tarja Tuupanens zart geschliffene Arbeiten aus Cacholong, einem aus den Weiten Russlands stammenden sehr harten Quarz vordergründig Rahmen oder kleinformatige leere Passepartouts. Gemeinsam ist beiden, dass sie auf unterschiedliche Weise mit ihren Arbeiten der Phantasie des Betrachters die Bühne frei geben: Bettina Speckners nostalgisch patinierte Bilder führen den Betrachter in weit entfernte Landschaften oder lange zurückliegende Zeiten, die gleichzeitig so nahe erscheinen, dass sie die Seele des Betrachters anrühren. Tarja Tuupanens weiße Rahmen eröffnen jenen leeren Raum, in dem die Imagination des Betrachters freies Spiel hat, sich der von der Künstlerin unbeschriftete, weiße  Raum für die freie Assoziation weitet.

Beide Künstlerinnen verbindet, dass sie Projektionsflächen für den Betrachter aufspannen, die er mit seinen eigenen assoziativen Geschichten füllen kann. Aber sie tun dies auf voneinander völlig verschiedene Weise.

Bettina Speckner kombiniert Perlen, Korallen und Diamanten oder andere Edelsteine, dazu Fundstücke von ihren Reisen wie Holz, Steine oder Muscheln miteinander und bringt sie in eine neue poetische Harmonie. Die Schmuckkünstlerin Karen Pontoppidan hat bei diesen Arbeiten die Anmutung von Stilleben: „Bettina Speckners Arbeiten erinnern mich an Stilleben, in der Art, wie Alltägliche Gegenstände von unterschiedlichen Bedeutungen zu einem Bild zusammengefügt werden. Aber eigentlich müsste es heißen „stilles Leben“, weil das die Momente sind, die sie festhält.“

Als Basis ihrer Assemblagen  dienen ihr zumeist Fotografien, die teils vergilbte Fundstücke mit Abbildungen altertümlicher Menschen beziehungsweise untergegangener Orte sind, die die Aura des in zeitlicher wie örtlicher Hinsicht Entrückten umgibt teils von der Künslerin selbst aufgenommene Fotos von Bäumen, Blumen, einsamen Orten und traumhaften Landschafen.
Durch unterschiedliche, teilweise sehr aufwändige  Bearbeitungstechniken macht die Künstlerin aus den Fotografien poetische Bilder, die geheimnisvolle Botschaften aus vergangenen Zeiten oder fremdartigen Landschaften zu verkünden scheinen. Dabei zerschneidet sie ihre Fotos und fügt sie wieder zusammen, übermalt, kombiniert sie neu und macht sie zur zentralen Grundlage ihres Schmucks. Manchmal verwendet sie alte aus dem 19. Jahrhundert stammende Ferrotypien, fotografische Platten, die sie in Trödelläden findet. Bei anderen Arbeiten greift sie zur ebenfalls alten (Druck-) Technik der Fotoätzung oder Heliogravur, bei der sie die zumeist von ihr selbst aufgenommenen  Fotos in Eigenarbeit in Zinkplatten ätzt.  Die dritte von ihr verwendete Technik ist das Emailfoto, wobei sie ihre Fotos von einem kleinen portugiesischen Betrieb nach ihren Vorgaben in Email brennen lässt. Bettina Speckner zaubert traumhafte Abbildungen von fremdartig-geheimnisvollem Reiz, die sich dem Betrachter als ein tief in der eigenen Psyche Eingeschriebenes, schon von jeher Erahnt-Bekanntes wie ein Eigenes anverwandeln. Bettina Speckner erzählt jene geheimnisvoll-märchenhafte Geschichten, die uns schon als Kinder so ungemein anrührten.  Es sind Traumbilder des eigenen psychischen Apparats, schemenhaft aufscheinende Erinnerungen von einer Reise in die biografische Vergangenheit des Betrachters. Die Arbeiten erscheinen als ein Stück wehmutvoller Erinnerungsarbeit, deren Fundstücke als Ganzes zwar ein poetisches Bild ergeben, im Detail aber zugleich aus dem Dunkel aufscheinendes Fragment mit Brüchen und dramatischen Schnitten bleiben.

Bettina Spreckner  macht, wie es Rüdiger Joppien in einem Ausstellungskatalog charakterisiert hat, „in jeder Beziehung natürlichen Schmuck, in dem die Motive der Natur eine wichtige Komponente sind. Sie verwendet gerne Naturprodukte: Perlen, Muscheln, Koralle, Holz, aber auch jede Menge edler Steine, den schillernden Opal wie den glitzernden Diamanten ...denn sie braucht die Farben und die Naturnähe zu den Steinen, um ihre Geschichten zu erzählen. Sie erzählt etwas von der reichen Poesie der Welt, sie hält Momente fest, sie schreibt gewissermaßen Gedichte mit ihrem Schmuck.“ Bettina Speckner arbeitet übrigens, und hier verrate ich Ihnen etwas, was Sie in der Ausstellung zumeist nicht sehen können, die Rückseiten ihrer Schmuckarbeiten ebenfalls als gleichrangigen Teil des Werkes aus, eines zumeist verborgenen Teils der Arbeit, die, wie sie sagt, ausschließlich dem Schmuckträger gehört und zugewidmet ist.

In Bettina Speckner Vorliebe für die fotografische Erzählung scheint auf, dass sie ursprünglich hatte Malerei studieren wollen. 1984  trat sie in die Malklasse an der Kunstakademie in München ein. 1986 wechselte sie in die Schmuckklasse zunächst von Professor Hermann Jünger, dann ab 1991 von Professor Otto Künzli, die sie 1992/93 im Staatsexamen und Diplom abschloss. Seit 1992 arbeitet sie in eigener Werkstatt zunächst in München, heute in Übersee am Chiemsee. Seit Ende der 1980er Jahre hat sie eine Vielzahl von Einzelausstellungen in Deutschland, Europa und in den USA zu verzeichnen, zuletzt eine Serie unter dem Titel „Das Eigene und das Fremde“. Mit ihren Arbeiten ist sie in vielen öffentlichen Sammlungen vertreten, u. a. in der neuen Sammlung in München, dem Schmuckmuseum Pforzheim, den Museen für Kunst und Gewerbe in Berlin und Hamburg, dem Royal College of Art Collection, London, dem Stedelijk Museum s´ Hertogenbosch, dem Mint Museum of Art and Design, North Carolina.. Seit 1990 hat sie eine Vielzahl von Auszeichnungen und Preise erhalten, u.a. den Bayrischen Staatspreis 2001 und den Ehrenpreis der Danner-Stiftung München im Jahre 2005. Wir freuen uns sehr, mit Bettina Speckner nach Karen Pontoppidan in diesem Jahr die zweite Künstlerin bei uns zu haben, die aus dem Dunstkreis der Münchner Kunstakademie kommt – jener Hochschule, deren Wirken wir in Idar-Oberstein mit großer Aufmerksamkeit und mit Respekt verfolgen.

Während Bettina Speckner ihre künstlerische Biografie im großstädtisch-akademischen Milieu in München begründete und heute ihren künstlerischen Mittelpunkt in der Idylle der Voralpenlandschaft des Chiemgaus gefunden hat, absolvierte Tarja Tuupanen den größten Teil ihrer künstlerischen Ausbildung von 1995 bis 2003 am College für Handwerk und Design mit dem Schwerpunkt Schmuck und Edelsteinbearbeitung und danach an der Polytechnischen Hochschule von Südkarelien in Lapeenranta, einer Kleinstadt im fast menschenleeren finnischen Nordosten, nahe der russischen Grenze. In Lapeenranta lebt und arbeitet sie auch heute, hier ist sie Teil der Hibernate Groop, einer Gruppe finnischer Schmuckkünstlerinnen, u.a. mit Eija Mustonen und Helena Lehtinen, ebenfalls international arrivierten Schmuckkünstlerinnen.  Hier ist sie übrigens auch als Lehrerin für Edelsteinbearbeitung tätig und betreibt mit anderen  zusammen die Galerie Luowa. Von Finnland aus hat sie mit einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa und den USA in den letzten 10 Jahren eine beachtliche internationale Karriere gemacht. Heute ist sie in einer Reihe öffentlicher Sammlungen, beispielsweise im Rhöska Museet in Göteborg, der Francoise van den Bosch Foundation in den Niederlanden und dem Museum in Turnov, Tschechien vertreten. Seit 2002 hat sie eine Vielzahl finnischer Arbeits-, Reisestipendien und Preise erhalten.

Tarja Tuupanen arbeitet ausschließlich in Stein. Ihr bevorzugtes Material ist der Cacholong, ein weißtoniges quarziges Gestein von beträchtlicher Härte des Grades 8, den ich im Internet als eine Varietät des Opals recherchiert habe. Der von ihr verwendete Cacholong hat keine Einschlüsse, Eintrübungen oder Maserungen wie etwa ein Marmor und man könnte ihm, wenn man seine Neigung zum Nachdunkeln einmal beiseite lässt und eine farbliche Charakterisierung versucht, die Vielzahl der Farben des nordischen Schnees zuordnen. Mir jedenfalls erscheint es so, als atme das natürliche Material Cacholong gleichzeitig den Geist der winterlichen Einöden Finnlands, als inspiriere die Einsamkeit der lappländischen Weiten  und die Höhe des karelischen Himmels den Werkstoff und das Werk der Künstlerin.

Tarja Tuupanen arbeitet fast ausschließlich Broschen und ihre Broschen sind zumeist zart geschliffene weiße Bilderrahmen leeren Inhalts oder kleine, völlig weiße Bildtafeln, ebenfalls ohne Bildinhalt. Die Broschen sind keineswegs Ausdruck nihilistischer Leere, sondern eher leere Bilder, die den Betrachter angehen, er möge sie beschriften und mit Inhalt füllen. Es sind keine Schmuckstücke, die den Schmuckträger definieren wollen, sondern die dem Schmuckträger abverlangen, so wesentlich zu sein, dass er selbst die inhaltlichen Akzente setzt, und die es dem Betrachter ermöglichen, sich dem freien Spiel der assoziativen Ideenaneinanderreihungen hinzugeben, um das leere Passepartout mit Inhalt zu füllen. So atmen die Arbeiten einerseits den Geist großer, fast eisig wirkender formaler Strenge und gleichzeitig auch zarter Poesie, die durch den Zustand einer unberührt-unberührbaren weißen Reinheit, man ist versucht zu sagen: Keuschheit, die Phantasie geradezu herausfordert. Tarja Tuupanen sagt über ihr Material Cacholong und ihre Arbeit: „ Weiß ist interessant. Es ist leer und rein. Kann eine Szenerie Blanco sein? Kann ein Portrait leer sein? Mein Hauptwerkstoff ist weißer Stein, Cacholong. Im Cacholong kann ich alle weißen Farben finden, die es gibt. Der langsame Arbeitsprozess bei der Steinbearbeitung hilft mir zu denken, dass eine minimalistische Form Vieles oder nichts aussagen kann.“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, mit Blick auf unser Jahresprogramm werden sie bemerkt haben, dass wir mit Tarja Tuupanen heute den Auftakt zu einem südkarelischen Schmuckschwerpunkt machen, in dem wir die Arbeit der Schmuckhochschule in Lapeenranta in diesem Jahr vorstellen wollen.  Im Dezember zeigen wir Ihnen Arbeiten von Eija Mustonen und Helena Lehtinen unter dem Titel Landscapes in der Villa Bengel  sowie parallel in der Fachhochschule Arbeiten von Studierenden der Hochschule in Lapeenranta unter dem Titel Exchange 2, einem Austauschprogramm mit europäischen Schmuckhochschulen, das wir im vergangenen Jahr begonnen haben. Deshalb bedanke ich mich ganz besonders bei Bettina Speckner, dass sie uns durch die Einladung von Tarja Tuupanen diese Vorschau auf die finnische Schmuckhochschule, die mit unserer FH den Schwerpunkt Edelsteingestaltung gemein hat, ermöglicht hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte nun Ihre Aufmerksamkeit nicht weiter strapazieren und wünsche Ihnen für den heutigen Abend viel Vergnügen mit der Schmuckkunst, eine schöne Zeit und gute Gespräche.


16. Januar 2015