Gestaltung
Edelstein und Schmuck

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10.07.08 07:27 Alter: 10 Jahre

Schmucke Stadt (Süddeutsche Zeitung vom 12.6.2008)

Von: Michael Winter / Süddeutsche Zeitung

Eine Reise in die Schmuckarchäologie könnte bei Wilhelm Lindemann beginnen, dem Kurator der Stadt Idar-Oberstein. „Geschichte wird stets aus der Perspektive der Gewinner erzählt“, wird er beim Mittagessen sagen. Was er damit meint, merkt man auf der Fahrt von Idar nach Oberstein. Idar ist proper. Oberstein ist baugeschädigt.

Die Straße führt über die in den achtziger Jahren viel diskutierte Naheüberbauung. Der Fluss wurde im Stadtkern von Oberstein zubetoniert, um darüber eine Durchgangsstraße zu legen. Beschlossen wurde das von Idarer Bürgermeistern, die früher stets das Sagen in der Stadt hatten. Wie zweifelhaft die Flussüberbauung selbst den Befürwortern vor zwanzig Jahren erschien, kann man daran ablesen, dass ein altes, inzwischen abgerissenes Fachwerkhaus in nummerierten Einzelteilen aufbewahrt wird für den Fall, dass man den Straßendeckel wieder sprengt. Die Fassaden in der Fußgängerzone der Altstadt von Oberstein zeigen Stilelemente aus dem 18. Jahrhundert, aus der Gründerzeit und dem Art-Déco. Sie sind in den oberen Etagen sorgfältig renoviert. Die Erdgeschosse sind jedoch aus Beton, gerade so, als ob man die Geschichte einer Stadt nach oben weggeschoben hätte.
Oberstein war aus Idarer Sicht stets die hässliche Schwester, besonders, nachdem beide Orte im Oktober 1933 zu einer Doppelstadt vereinigt wurden. Idar war und ist eine der Edelsteinmetropolen Europas und der Welt. Oberstein war ein Fabrikort, in dem früher Modeschmuck in Massenproduktion hergestellt wurde, heute macht man Autozubehör. Es ist der Bindestrich, der die Sache interessant macht. Der Bindestrich zwischen Schmuck und Design. Die Bijouteriewarenfabrik Jakob Bengel ist heute ein geschütztes Industriedenkmal und produziert zugleich in kleinen Auflagen mit den Originalmaschinen noch Art-Déco-Schmuck, den das Werk in den 1930er Jahren in alle Welt geliefert hat: Bijouterie aus Metall und dem Kunsthornstoff Galatith, einem gehärteten Kuhmilchprodukt, das man beliebig färben konnte. In den Auftragsbüchern standen Kunden aus Paris, New York, Rio, Arabien, Beirut, Sydney und Hongkong. Marlene Dietrich hat den damals teuren Schmuck getragen. Neben den großen Pariser Kaufhäusern bezogen Juweliere die Pretiosen, denen sie ihren Stempel einprägten. Die Gebäude der Bengel-Fabrik gehören seit 2001 einer Stiftung, und in der Fabrikantenvilla nebenan wohnt Familie Braun, die als Nachfahren von Jakob Bengel auch die gleichnamige Stiftung mitbegründet hat. Karl-Dieter Braun führt mit großem Engagement interessierte Besucher durch die Räume und die Firmengeschichte. Über eine Steintreppe geht es in einen Saal voller Tischmaschinen. Unzählige Schwungräder, Transmissionen und Stanzen reihen sich aneinander. Die Maschinen sind stumm, aber jederzeit einsatzbereit. Jakob Bengel gründete seine Fabrik 1873. Er produzierte Uhrketten für Kutscher und Kellner aus vernickeltem Eisen oder Stahl, Gürtelschnallen und Modeschmuck für Zimmermädchen, später Reißverschlüsse für Kaufhäuser.
„Die Eisenbahnlinie von Frankfurt über Bingen und Saarbrücken nach Paris brachte die Orte Idar und Oberstein in direkten Kontakt mit der Modemetropole Paris“, sagt Wilhelm Lindemann. Billige Materialien und schönes, schlichtes Design in einem Produkt zu vereinen, war zwischen 1926 und 1936 eine Erfindung der Bijouterie-Industrie in Hanau, Pforzheim und Oberstein. Eine Innovation, die bis heute unterschätzt wird. Die Produktion lief aus, als die Nazis das Galatith für den Flugzeugbau entdeckten und die Firma Bengel ihre vorwiegend jüdischen Kunden im Ausland verlor. Im Zweiten Weltkrieg produzierte man Eiserne Kreuze und Mutterkreuze. „Idar-Oberstein ist eine Gemeinde, aus der die Leute abwandern“, sagt Wilhelm Lindemann. „Wir haben zu spät erkannt, dass wir für unsere Schmuckstadt ein Logo, ein Markenzeichen brauchen, das weltweit zieht. Dabei haben wir doch alles: Edelsteine, Design und die Ausbildungsstätten. Wir sind mit allen Edelsteinzentren der Welt vernetzt. Eins ist allerdings vergessen worden: Schmuck ist nicht nur edel, sondern auch Mode. Nicht der Stein, sondern das Design macht Schmuck zu Schmuck.“
Manfred Wild wohnt am entgegengesetzten Ende der Doppelstadt in einem Einfamilienhaus in Kirschweiler, das so unauffällig scheint, dass niemand auf die Idee käme, hier einzubrechen. Er hat noch nicht mal Gitter vor den Fenstern. „Wissen Sie“, sagt er vor seinen Glasschränken voller nachgebauter Fabergé-Eier: „Wenn mir einer was stiehlt, dann habe ich wieder Platz für was Neues.“ Wilds Fabergé-Produktion ist weltweit begehrt. Manchmal fahren gepanzerte Limousinen bei ihm vor, über deren Insassen er schweigt. Auch Edeljuweliere kaufen bei ihm, doch wollen Tiffany und Cartier auf keinen Fall Idar-Oberstein als eingestanztes Label haben. Für Manfred Wild ist das nicht weiter von Bedeutung. Schließlich hat er Kontakte zu Händlern aus Südafrika, Indien, Südamerika, Südostasien, Australien und erfüllt den Verrückten und Superreichen alle Wünsche. Dabei erlaubt er es sich auch, Aufträge von Leuten, die er nicht mag, abzulehnen. Eine Klarinette aus Bergkristall hat er auch in Originalgröße geschliffen, sie lässt sich sogar spielen. Für Manfred Wild gibt es nichts Öderes als einen lupenreinen Diamanten in einer schlichten Fassung. „Das hat mit Design nichts zu tun“, sagt Wilhelm Lindemann später zu Wilds wildem Kunsthandwerk und lobt dafür die hiesige Fachhochschule für Schmuckdesign, die ein erster Versuch in Deutschland sei, Schmuck, Mode und Kunst auf hohem Niveau zusammenzubringen: „Eine Art Haute Couture für Sammler, die Schmuck nicht für den Finger, sondern als Skulptur für die Vitrine schätzen.“ Vielleicht haben ja im Nachhinein die Designer von Oberstein doch gewonnen gegen die Edelsteinschleifer von Idar.

MICHAEL WINTER / 12. Juni 2008


16. Januar 2015