Gestaltung
Edelstein und Schmuck

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14.11.07 22:22 Alter: 10 Jahre

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Manfred,

Von: Wilhelm Lindemann

als der Künstler Manfred Nisslmüller im Mai des vergangenen Jahres seine Bereitschaft erklärte, in der Villa Bengel eine neue Installation einzurichten, haben wir uns sehr geehrt gefühlt. Haben doch seine Grundlagenforschungen zur Essenz des Schmucks unser Symposium „Schmuck-Denken – Auf dem Wege zu einer Theorie des Schmucks“ auf vielfältige Weise inspiriert.

Bewusst nenne ich seine Arbeit eine „Grundlagenforschung“, bei der er sein Werk – sowohl seine Schmuckobjekte als auch seine Textarbeiten - seit Mitte der 1970er Jahre fast gänzlich der Reflexion der anthropologischen Grundlagen des Schmückens und des Schmucks, aber auch des ambivalenten Verhältnisses von Schmuck und Kunst widmet. Nisslmüller arbeitet also ausschließlich über Schmuck. Auch wenn er für die Darstellung der Ergebnisse seiner Forschungsarbeit, wie wir heute sehen, mitunter das Medium der Sprache, vorzugsweise in der Form der Schrift benutzt, wird man ihn zwar als Forscher bezeichnen wollen. Allerdings wohl kaum als konventionellen Wissenschaftler, insbesondere da die Art und Weise, in der er sich des Mediums Sprache/Schrift bedient, den eingeführten wissenschaftlichen Dokumentationsmethoden in keiner Weise entspricht. Nisslmüllers Texte treten eher als Fragen oder Thesen auf. Obgleich er in seiner heute präsentierten Arbeit keine Objekte oder Abbildungen, sondern ausschließlich verschriftlichte Texte mit, die Semiotiker würden sagen: arbiträren, bedeutungsoffenen Zeichen, einsetzt, sind diese zugleich Bildmotive, die sie durch die besondere Weise ihrer Einrichtung in diese Ausstellung, in ihrer Gesamtheit also, als Kunstwerk ausweisen und die unsere heutige Vernissage zu einem Ereignis von Kunst macht. Auch wenn Manfred Nisslmüller jedwede Intention verneint, mit seiner Ausstellung auch ein Kunstwerk erschaffen zu wollen, ereignet sich in ihr Kunst.     
An dieses Ereignis will ich mich im Folgenden vom Werk her anzunähern versuchen.

„schmuecken“, so der Titel dieses von Manfred Nisslmüller als Ausstellung apostrophierten Projekts, hat möglicherweise einige von Ihnen beim Eintreten überrascht und auch ratlos gemacht. Glänzen doch die von Ihnen erwarteten Objekte der Bewunderung, die Schmuckstücke eben, ausschließlich durch Abwesenheit. Die Räume der Galerie sowie der Flur sind fast gänzlich geräumt. Wo sonst Schmuckvitrinen positioniert waren, stehen Sie diesmal gleichzeitig sowohl in Ihrer gewohnten Rolle als Betrachter als auch als Objekte der Betrachtung. Sie sind die Ausstellung. Tragen Sie Schmuck?   Im hinteren Raum 4 befindet sich ein Agglomerat leerer Vitrinen, möglicherweise die letzten stummen Zeugen der abwesenden oder weggegangenen Schmuckstücke. Wo ist der Schmuck und wieso ist er weg – das scheinen berechtigte Fragen.
Stattdessen: an den Decken und an den Wänden Sätze über das Schmücken, über Schmuckstücke und Vitrinen. Die Ausstellungsräume sind jeweils unterschiedlichen Aspekten des Themas gewidmet: Während der Flur, darauf deuten die Texte auf elf DIN-A 4-Blättern an den Wänden hin, Fragen und Thesen zum Schmücken artikulieren, sind die beiden größeren Ausstellungsräume durch Hinweisschilder in der jeweiligen Zimmermitte den beiden Schmuckspezies „Ring“ und „Ohrschmuck“ gewidmet. Texte an den beiden Zimmerdecken und auf einem schwarz gerahmten DIN-A 4-Blatt in Raum 3  – es ist der Plot eines Schmuck-Videos - handeln über das Schmuckobjekt. Raum 4, der Raum mit den leeren Vitrinen, von Nisslmüller „stumme Sirenen“ betitelt, hinterfragt auf einem rot gerahmten DIN A 4-Blatt textlich – es ist eine Art Kurzgeschichte - den Schmuck als Kunstobjekt aus der Vitrinenperspektive. Auch wenn mir da Manfred Nisslmüller vielleicht widersprechen würde, erkenne ich im Aufbau seiner Ausstellung von Raum 1 „schmücken“ bis zum Raum 4 „stumme Sirenen“ eine auf Steigerung bedachte Dramaturgie, die in der sich in der Vitrinenperspektive vollziehenden Verkunstung von Schmuck seinen tragischen Höhepunkt findet.

Eingedenk der von ihm vorausgesehenen Erwartung des Publikums von realen Schmuckobjekten hat Nisslmüller das Ausstellungsprojekt in der Villa Bengel mit „schmuecken“ betitelt, und dabei die wohl zwangsläufige Abwesenheit realer Schmucksstücke antizipiert. Schmuck will eben nichts anderes als schmücken, ein ausschließlich der Schönheit des Trägers als „epithetum ornans“ gewidmetes Objekt sein, das jedwedem eigenen Bedeutungsanspruch entsagt und das, sobald ihm auch nur der Anschein einer eigenen Sinnhaftigkeit zuwächst, seine schmückende Funktion zu verlieren beginnt, zum sozialen Status-, zum Erinnerungs- oder gar zum Kunstobjekt gewissermaßen degeneriert. Je stärker das Schmuckobjekt mit Bedeutungsinhalten aufgeladen wird, desto mehr gerät seine schmückende Funktion, bedrängt von anstürmender Bedeutungsmetaphorik, ins Hintertreffen. Sicher war sich Manfred Nisslmüller in diesem Zusammenhang der geradezu aporetische Situation bewusst, in die er sich mit einer Ausstellung von Schmuckobjekten begeben hätte: alleine der Umstand der Expositionierung auf einem Sockel oder in einer Vitrine, also dem für Kunstrezeption üblichen Kontext, wäre einem Frontalangriff auf die schmückende Funktion mit der Folge eines völligen Zusammenbruchs seines Bedeutung zuweisenden originären Schmuckkontextes gleichgekommen. Schmuck entfaltet seine schmückende Wesenheit eben nur am Körper des Trägers, wobei er in dieser dienenden Verbindung nicht nur visuell, sondern vom Träger auch taktil rezipiert wird. In der Vitrine verliert er seine schmückende Funktion und das Schmuckstück vollzieht die Metamorphose in die Darstellung eines Schmuckstückes, aus dem Ring wird das Bild eines Rings.
Der Text in Raum 4 verweist  darauf: „In der Vitrine kümmert den Schmuck nichts“ und „Die Welt ist ausgesperrt“ und „Hinter Glas, meist in idealer Ansicht das Schmuckstück – provozierend nah, geduldig, hilflos  und, fern der Bestimmung“ oder „In der Vitrine kann das Schmuckstück Qualitäten zeigen, die draußen nicht erforderlich sind.“ Aber er weist auch darauf hin: „Von hier aus lockt das Schmucksstück.“ Und „Diese Vitrinenperspektive wird zum Sirenengesang.“, wobei er mit Sirenen die Unheilsdämonen der Antike meint, die den Seefahrer mit betörendem Gesang in sein Unglück hineinlocken. Wohlgemerkt: nicht der schmückende Schmuck am Körper bringt den Sirenengesang zum Erklingen, sondern seine Verkunstung und Musealisierung. Schmuck nicht als dem Kult der Schönheit des Schmuckträgers dienendes Beiwerk, sondern ein einen eigenen musealen Schönheitskult beanspruchendes Objekt! Ein Objekt also, das seiner originären kultischen Funktion entzogen und sich selbst in der visuellen Rezeption als Ausstellungsobjekt entfremdet ist. Andererseits formuliert er: „In der Vitrine kann das Schmuckstück Qualitäten zeigen, die Draußen nicht erforderlich sind“ und kommt nachdenklich zu dem Schluss, dass gerade die von ihm als tragisch empfundene Vitrinen-Existenz des Schmucks, in der er zum Kunstwerk mutiert, die Entwicklung des zeitgenössischen Schmucks nachhaltig beeinflusst: „Vielleicht hat das den Schmuck mitgestaltet“ und „Tut es vielleicht noch immer“. 2005 hatte er anlässlich einer Ausstellung im MAK Frankfurt formuliert: „ Das KÜNSTLERISCHE oder den künstlerischen teil in einer schmuckarbeit einer gemachten kann man nur hilflos hinnehmen, auch ich weiß dass schmuck nie das künstlerische los werden wird und es immer drinnen wird sein weil es alle wollen man es sucht weil wir es dorthin  dorthinein hineinkultivieren danach fragen, wird soll ist schmuck künstlerisch, und es und wir gar nicht ohne es auch nicht entkommt wir auch nicht entkommen, es nie wird nicht drinnen sein in meiner Arbeit es drinnen wird sein so sehr ich es nicht brauchen will nicht daran glaube glaube ich doch es doch brauche weil vielleicht nur so funktioniert, es gar nicht ohne es immer mit, nie werdend gleich muß ist, nie unschuld, also es immer immer drinnen muß wird sein also immer ich dort werde scheitern an dieser in dieser vision.“

Auch in diesem Gefühl des von ihm als in einer tragischen Weise unentrinnbar empfundenen Widerspruchs, dass Schmuck den Sirengesängen der Kunst nicht zu  entrinnen vermag,  und die Vergeblichkeit aller Fluchtversuche des Schmucks vor der Kunst wissend, hat Nisslmüller bei seinem Ausstellungsprojekt  „schmuecken“ auf die Zuschaustellung von Schmuckobjekten verzichten können. Übrigens zum ersten Male in einem Ausstellungsprojekt überhaupt. Seine Installation zeigt das aufspannende Verhältnis von Schmuck zu Kunst auf, ohne allerdings selbst der Falle der aufgezeigten Zwangsläufigkeiten völlig entrinnen zu können: seine Arbeit über Schmuck und Kunst, von ihm selbst als Schmuckarbeit verstanden und als begehbare Installation angelegt, vollzieht sich ihrerseits als Kunstwerk. Manfred Nisslmüller installiert Texte über Schmuck, ohne Schmuck abzubilden. Der Schmuck hat sich gleichsam in  das schützende Gehege der Sprache zurückgezogen. In der Tat versteht Manfred Nissmüller seine Texte zum Wesen des Schmucks explizit als Schmuckarbeiten. „Die hereinnahme von SPRACHE als gestalterisches medium in den schmuck befremdet vielleicht da es doch explizit nur als wort oder textarbeit also immateriell ohne berührung mit einem schmuckstück als eigenständige vollwertige schmuckarbeit verstanden werden will. Freilich kann es wie in der arbeit alkyo nihsagamih sentlangesmükt vorkommen, dass jenes sich äußerst hermetisch präsentiert. Auch die sprache ist dazu geeignet zwischen andeuten und präsentieren zu changieren, stärker noch mit fremdworten, und auch einen zeitfaktor produziert weil ein nähern erkunden erzählen möglich dass doch selten im moment passiert. Diese verzögerung durch das hermetische in alkyo nihsagamih sentlangesmükt diese erkundende tätige zeit bis zum erkennen des ereignisses des sich vorzustellenden, auch jeder in seiner persönlichen fähigkeit färbung, und sie die arbeit die auch später sich wieder durch ein vergessen zurückziehen wird bis dorthin dass die arbeit allein bleibt für sich, aber doch in der welt – all dies ist die arbeit gemeinsam mit dem unernst.“ (M.N. Okt. 05)  Manfred Nisslmüllers textliche Schmuckarbeiten offenbaren – ich hoffe, mein Vortrag konnte Ihnen das vermitteln – ein großes poetisches Talent, durchaus in der Nachbarschaft der Musik angesiedelt. Die Texte – und dabei ganz besonders die  als ornamentale Deckenfriese in den Räumen 2 und 3 ausgebildeten Texte – zeigen genauso eine Nähe zur Malerei. Kalligraphien, im Wortsinne „Schön Geschriebenes“, die durch die präzise ausgefeilte Anordnung der Buchstaben einerseits ornamental-bildhaft wirken und andererseits verrätselt sind, indem sie die Rezeptiongeschwindigkeit der Bedeutungsinhalte hemmen.   Manfred Nisslmüller hat den Deckenornamenten einen fast dezenten Textfries hinzugefügt, in den sich die Schmuckobjekte gleichsam zurückgezogen haben.
Sabine Runde, die Direktorin des Museums für Angewandte Kunst Frankfurt fasste 2005 zu Nisslmüllers Schmucktexten zusammen: „Auch die SCHRIFT in ihrer Ambivalenz zwischen Bildmotiv und kommunikativem Instrument dient der Annäherung auf der Suche nach den wesentlichen Kriterien für Schmuck. Seine Schmuck-Statements eröffnen den Diskurs über das Phänomen Schmuck an sich, mit ihren Behauptungen oder Fragestellungen fordern sie die Stellungnahme des Lesers heraus. Sie finden sich an verschiedenen Orten der europäischen Sammlung des Museums. Seine Litanei zum/über Schmuck versteht sich als Schmuck-Arbeit, wie auch seine Schmuckworte, er spricht von Schmückung, als Sprachfries wie visuelle Poesie gelesen werden kann.“ In der Tat weisen gerade die beiden Deckenfriese in der Villa Bengel bei aller Nüchternheit in der inhaltlichen Aussage auf der Ebene der formalen Gestaltung poetische Seiten auf.

Doch:  die Präsenz von Schmuck ist in den Räumen der Villa Bengel allenthalben spürbar. Gerade die Abwesenheit realer Schmuckobjekte in dieser Ausstellung über Schmuck scheint die inhaltlich-thematische Widmung der Ausstellungsräume ungemein zu forcieren und den Fragen nach dem Wesen des Schmückens und des Schmucks – ohne die störende Ablenkung durch Schmuckobjekte oder Schmuckbilder - den notwendigen freien Raum zu verschaffen. Die von ihm konkret vorgenommene Widmung der Räume 2 und 3 an die „Ringe“ und „Ohrringe“ durch die Aufstellung von zwei raummittige Widmungsstelen stellen den mitgebrachten Schmuck der Ausstellungsbesucher in den Mittelpunkt des Interesses: Nicht der Künstler definiert, was Schmuck sei, Nisslmüller nimmt sein präpotentes Recht als ausstellender Künstler, zu bestimmen, was zu betrachten sei, nicht wahr und überlässt dies dem Ausstellungsbesucher, der in der Räumen 3 und 4 seine realen oder auch imaginären Ringe und Ohrringe vorstellt. Der damit die ganze Wirklichkeit aller für die Ausstellungsbesucher vorhandenen oder imaginierten Schmuckobjekte zur Ausstellung zulässt.

Insofern drängt sich der Bezug zur Komposition „4.33“ des amerikanischen Komponisten John Cage auf, in der ein stummer Konzertflügel 4.33 Minuten Stille erzeugte und damit zugleich die Präsenz aller Klänge der Welt aufrief. Hervorstechend ist Nisslmüllers insbesondere für Schmuckschaffende ernüchternde Erkenntnis „Dem Schmücken ist egal, was verwendet wird“ (Raum 1) und „Das Schmuckstück braucht dich“ (Raum 2), mit dem er unmissverständlich klar macht, dass alles schmückt, was einen Träger findet, der ihm eine schmückende Funktion zuweist. „Kein Schmuckstück ist besser als das nächste“ und „Es gibt kein hässliches Schmuckstück – nur ein anderes“. Dazu gehört auch die lapidare Erkenntnis, dass das „Schmuckstück nur an seiner Physik scheitern“ kann. Nisslmüller versteht dabei unter „scheitern“ ausschließlich „untragbar sein“ im wörtlichen Sinne. Und im Deckenfries im Saal 2 formuliert er weiterhin „Jedes Schmuckstück ist vor allem ein dienendes Vehikel“, das auf ornamentierende Weise die Schönheit seines Trägers voranbringen will.


Nisslmüller kommt im Übrigen mit seiner Schmuckinstallation in der Uhrketten- und  Bijouteriewarenfabrik Bengel an einen Ort des industriellen Serienschmucks, der nach allen künstlerischen Kriterien mit Sicherheit nicht ein Ort der Kunst sondern der Industrie gewesen ist. Gewissermaßen kommt er in einen kunstfreien Raum, in dem der Schmuck am ehesten Schmuck sein darf, eben kunstlos und schmückend.

Meine Damen und Herren, in der Hoffnung, Ihnen nicht die Freude am Werk des Künstlers durch allzu lange und allzu belehrende Rede geschmälert zu haben, wünsche ich Ihnen einen interessanten Abend.




16. Januar 2015