Gestaltung
Edelstein und Schmuck

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24.05.07 16:59 Alter: 11 Jahre

SchmuckDenken III

Von: Andreas Pecht

Gedränge im kleinen Studiengang für Edelstein- und Schmuckdesign in Idar-Oberstein. Rund 160 Schmuckkünstler, Wissenschaftler, Studierende sind zum dritten Symposium „Schmuck-Denken“ gekommen, doppelt so viele wie bei der ersten Tagung 2005. Englisch ist für zwei Tage Hauptsprache in der Fachhochschule, denn ein Drittel der Kongressteilnehmer ist aus dem europäischen Ausland angereist. Das Interesse gilt dem vor drei Jahren hier begonnen Diskurs „Unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“.

das Plenum

Prof. Dr. Menninghaus

Ellen Maurer-Zilioli (Mitte)

Prof. Kadri Mälk

Von Jahr zu Jahr wachsende Teilnehmerzahl, zunehmende Internationalität, geballte Präsenz von Hochkarätern aus der europäischen Schmuckszene: Die Idar-Obersteiner Symposien-Reihe „Schmuck-Denken“ trifft offenbar auf ein spezifisches Interesse. Woran? Am inspirierenden Nachdenken über das, was Schmuck ist, sein soll, sein kann – jenseits der überkommenen Selbstverständlichkeit als Dekoration seines Trägers. Am Anfang scheint die Frage, was Schmuck sei, ganz einfach beantwortbar: Schmuck ist, was schmückt; und weil Schmuck schön ist, macht er auch den Menschen schöner.

Wenn´s so einfach wäre. Ist es aber nicht, das machten bereits die Kongresse an gleicher Stelle in den beiden Vorjahren deutlich. 2005 wurde von Kulturwissenschaftlern auf mannigfache soziale Bedeutungen von Schmuck verwiesen. Er kann Ausdruck von Clan- oder Klassenzugehörigkeit, Familienstand, Beruf , Alter sein, kann als Rang- oder Ehrenzeichen gesellschaftlichen Status ausweisen, war/ist in vielen Kulturen und Religionen rituelles Signum (Bischofsring). Schmuck kann von Reichtum zeugen oder von Erfolg bei der Jagd (Klauenkette) und im Krieg (Orden).

2006 formulierten Schmuckkünstler selbst einige Theorieansätze für ihr Schaffen. Da wurde schnell klar, dass es tiefgreifende Unterschiede im Verständnis gibt, je nachdem ob Schmuck als Accessoire zur Personenverzierung oder als künstlerisches Objekt verstanden wird. Die Frage, „was ist Schmuck?“ musste erweitert werden durch „was ist Schmuckkunst?“. Tragbarkeit bleibt nicht länger zentrales Merkmal: Schmuckkunst kann tragbar sein oder nur zum Anschauen gedacht. Und wenn sie am Leib getragen wird, was wird dann im Zusammenspiel von Stück und Träger aus den Intentionen des Künstlers mit seinem Werk? Denn Kunstwerke weisen stets über ihre sinnliche Erscheinung hinaus, sonst wären sie nicht Kunst.

Manfred Nisslmüller, einer der großen älteren Avantgardisten der Schmuckszene, formulierte vergangenes Jahr radikal: „Schmuck ist Störung“ - Störung der Erscheinung des Trägers, Störung gewohnter Wahrnehmung und Ästhetik. Wobei Schmuck in diesem Sinne vor allem Objekte meint, die sich bewusst in Kontrast zur überlieferten Schönheits-Konvention klassischer Schmuck-Komposition aus Ebenmaß, Harmonie und Glanz setzen. Dieser Gedanke mündet beim 2007er-Symposium in die Frage insbesondere an das zeitgenössische Schmuckschaffen: Was ist Schönheit?

Der Schweizer Altmeister Bernhard Schobinger erläutert anhand der eigenen Entwicklung, wie aus dem Abwenden von der überkommenen Ästhetik eine, seine, neue entstand. „Tabubruch ist eine Lust“ erkannte er, und diese Lust führte ihn in den 1970ern weg von geometrischen Formen, „zu Tode polierten Oberflächen“ und Begrenzung auf „edle“ Materialien. Aus der Erkenntnis „jede Norm setzt Grenzen, und alle Grenzen grenzen aus“ leitete er für sich die Maxime ab: „Es kann mir niemand etwas vorschreiben.“ So begann Schobinger die Tür zu neuen Schönheiten zu öffnen, die noch vor wenigen Jahren als unerhört galten: die zum Armreif gebogene Vorhangstange, die goldüberzogene Bananenschale, der zersägte und in welliger Neuform zusammen gesetzte Ring.

Die ehernen Grenzen zwischen „schön“ und „hässlich“ sind gefallen, weil die ästhetischen Normen und sozialen Sinnzuweisungen von Schmuck in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft nur noch bedingt oder gar nicht mehr funktionieren. Das machten in Idar-Obersteiner neben Schobinger Künstler wie Lucy Sarneel, Iris Bodemer, Kadri Mälk oder Manuel Vilhena an ihren Arbeiten deutlich. Rostender Stahl mit Diamant, ausgequetschte Zahnpastatube mit Silberauflage, Ring nur aus verknoteter Schnur – was Schmuck ist, lässt sich heute verbindlich nicht mehr feststellen, Schönheitsempfinden ist so unterschiedlich wie es individuelle Biografien sind.

Bestätigt wird dieser Befund durch Geisteswissenschaftler, deren Begegnung mit den Schmuckkünstler zu den Besonderheiten des Idar-Obersteiner „Schmuck-Denkens“ gehört. Winfried Menninghaus sieht die Geschichte des Sich-Schmückens im Kern als eine Kulturgeschichte der Signale in der sexuellen Geschlechter-Werbung. Wobei er feststellt, dass historisch Schmuck vor allem ein Werbungsmittel des Mannes war (als eigenes Statussymbol und als Geschenk), dass mit der modernen „Unübersichtlichkeit der Geschlechterrollen“ Schmuck im Begriff ist, für beide Geschlechter neue Funktionen wahrzunehmen.

Der Philosoph schließlich, Uwe Voigt, plädiert für eine Besinnung auf die ursprünglich enge Beziehung zwischen Schmuck und Denken: In der vorsokratischen Philosophie galten Schmuck und Universum noch als Wesensverwandte, waren gleichermaßen im Begriff „Kosmos“ gefasst. Diese Einheit ist längst zerbrochen und nicht erst die Gegenwart leidet an der Missachtung der grundlegenden Tatsache, dass „das ästhetische Empfinden das zentrale Moment menschlichen Bewusstseins ist“. Das große Ganze sei wieder gefragt, meint der Philosoph, „eine große Allianz von Denken und Ästhetik“. In Idar-Oberstein gibt es sie – seit 2005 wenigstens für zwei Tage im Jahr.


16. Januar 2015