Gestaltung
Edelstein und Schmuck

NEWS

20.11.05 21:09 Alter: 13 Jahre

Ausstellungseröffnung

 

Ute Eitzenhöfer - "Etwas über das Passen von Nichtpassendem"

Das Kulturamt der Stadt Idar-Oberstein zeigt vom 20. November 2005 bis 6. Januar 2006 in der Villa Bengel Schmuck von Prof. Ute Eitzenhöfer.

Zur Ausstellungseröffnung am 20. November um 11.00 Uhr waren etwa 80 Personen in der Bengelstiftung anwesend. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Hans Jürgen Machwirth hat Willi Lindemann mit folgender Rede in das Werk von Ute Eitzenhöfer eingeführt:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Ute Eitzenhöfer!

Es ist immer wieder eine prinzipielle Herausforderung, in der Einführungsrede zu einer Kunstausstellung eine verbale Annäherung an eine künstlerische Persönlichkeit zu versuchen: Kunstwerke als in erster Linie visuelle Informationen tranzendieren bekanntlich die Welt des Schriftlichen und Sprachlichen. Und heute kommt mir neben der Herausarbeitung der künstlerischen Positionen von Ute Eitzenhöfer noch eine weitere Aufgabe zu, nämlich die einer ersten öffentlichen Präsentation der neuen Professorin des Studiengangs Edelstein- und Schmuckdesign in Idar-Oberstein. Seit Sommersemester diesen Jahres lehrt Ute Eitzenhöfer den für die Stadt überaus relevanten Studienschwerpunkt „Edelsteindesign“ in der Nachfolge von Professor Udo Ackermann und ihr Professorat ist dementsprechend mit großen Erwartungen verknüpft.

Mit Ute Eitzenhöfer ist es gelungen, eine überaus interessante und in der Welt des zeitgenössischen Schmucks herausragende künstlerische Position an die örtliche Fachhochschule zu bringen, die gerade im Hinblick auf die künstlerische Reflektion des Materials Edelstein eine ebenso fundamentale wie innovative ästhetische Recherche und Entwicklungsarbeit verspricht.

Die Ausstellung „Etwas über das Passen von Nichtpassendem“, die wir heute in der Villa Bengel eröffnen, zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch ihr Werk ab 1996 und bildet die wesentlichen Schaffensperioden des Werks ab. Auch wenn in dieser Ausstellung dem Edelstein als Ausgangsmaterial keine spezifisch herausgehobene Rolle zukommt, so liebt Ute Eitzenhöfer, wie sie sagt, den Stein sehr und er hat in ihrem künstlerischen Werk als Material mit eine bedeutende Rolle. In vielen ihrer Schmuckstücke nimmt er eine zentrale Position ein. Dabei nähert sich die Künstlerin dem Material Stein auf die ihr eigene, sehr nachdenkliche und fragende Weise, indem sie ihn auf seine sinnlich erfahrbaren, ästhetischen und symbolischen Qualitäten hin untersucht und die Ergebnisse dann im Werk positioniert. Für sie ist der Stein mehr als ein Reichtum und Glamour, gesellschaftlichen Status symbolisierender Juwel: Das ist er auch und sie reflektiert ihn auf dieser Ebene durchaus kritisch, indem sie ihn auf besondere Weise fasst - nicht in edlen Metallen wie Gold oder Platin, sondern in Kunststoff oder anderen eher vergänglichen, gemeinhin als „unedel“ erachteten Materialien. Doch geht es ihr noch mehr um die existenzielle Herausforderung des Steins, der sich dem Menschen durch seine sinnlich erfahrbare Substanzialität, durch seine Härte, seine Kälte in Relation zum Körper und auch durch sein Licht als ein dem Menschen antagonistisches Objekt in der Welt erweist. Das, indem es den Gegensatz zur fleischlich-körperlichen Seinsweise des Menschen aufspannt, die Unendlichkeit und den unvergänglichen Bestand der Welt symbolisiert und so auf den passageren Charakter des menschlichen Seins verweist. Der Blick auf den Stein, die sinnliche Perzeption des Materials, machen das Faktum und die ewige Dimension von Welt erfahrbar und werfen zugleich den Menschen auf die Vergänglichkeit seiner organisch-körperlichen Seinsweise zurück, offenbaren, indem sie die substanziell verfestigte Repräsentation von Welt symbolisieren, die in die Zeitlichkeit hineingeworfene humane Seinsweise. Der Stein wird somit zur das ganze Menschsein erfassenden existenziellen Herausforderung, Zeichen der Ewigkeit und Zeichen der Endlichkeit und der Hereinnahme des Todes in das Leben.

Ute Eitzenhöfer untersucht diese Herausforderung an den Menschen künstlerisch, indem sie ihre Steine in vergängliche Materialien wie Kunststoff gleichsam einbettet und birgt, so dass im zeitlichen Prozess des Zerfalls am Ende nur der Stein seinen Bestand beweist und bewahrt. In ihren Schmuckstücken erweisen sich Steine insofern nicht als plakativ herausgestellte glitzernde Pretiosen, sondern sind im Schmuckstück auf eine bestimmte Zeit hin aufbewahrte Dokumente des weltlichen Seins. Der Stein wird zur im vergänglichen Schmuckstück aufbewahrten Reliquie, die die Anwesenheit des ewigen Seins von Welt bezeugt. Das Werk wird zum Text über die menschliche Existenz in der Welt, der als Zeichen des Wissens darüber beispielsweise als Ring oder Brosche am menschlichen Körper getragen werden kann. Damit lässt Ute Eitzenhöfer in ihrem Werk zugleich die Ebene des dekorativen Schmucks hinter sich und betritt die ästhetisch-philosophischen Areale der Kunst.

Dabei hat die Künstlerin die existenzielle Dimension des Steins auf eine sehr prinzipielle und radikale Weise hinterfragt: In einer Serie von Arbeiten hat sie beispielsweise sogar die Abwesenheit des Steins untersucht, indem sie facettierte Symbole des Steins aus bedrucktem Papier schuf: Zeichen des Unvergänglichen aus vergänglichem Material.

Mit der Übernahme des Lehrstuhls für Edelsteindesign in Idar-Oberstein hat sie sich entschieden, künftig der künstlerischen Recherche nach dem Wesen des Steins, nach seiner symbolischen Aufladung für den Menschen wie nach seinen gestalterischen Herausforderungen in ihrem Werk höchste Priorität zu geben. Insbesondere ihr Blick auf die existenzielle Herausforderung des Steins an den Menschen, die philosophische Deutung des Materials lassen neue und innovative Wege in der Gestaltung jenseits des Facettenschliffs, wie wir ihn kennen, und in der Verwendung im Schmuck erwarten. Dabei nähert sie sich dem Stein und der tradierten Bearbeitung von Edelsteinen durchaus mit großem Respekt. Ihre Technik, den Stein durch das Einbetten in ein ungewohntes Medium wie Kunststoff zu setzen, bricht tradierte Sehgewohnheiten des üblicherweise in Gold oder Platin gefassten Materials auf und eröffnet neue Zugangs- und Deutungsmöglichkeiten. In der Zukunft auch: Gestaltungsmöglichkeiten, indem sie ihn mit einem gemeinhin als wertlos erachteten Stoff kontrastiert und auf diese Weise grundsätzlich hinterfragt und neue Antworten zu formulieren intendiert.

Neben dem Stein verwendet Ute Eitzenhöfer hauptsächlich Materialien aus der Welt des alltäglichen Gebrauchs wie Kunststoff oder - in einer früheren Schaffensperiode - bedrucktes Papier. Es sind Materialien, die gemeinhin eine eher geringe Wertschätzung erfahren, Verbrauchs- oder Wegwerfstoffe aus der Sphäre des Konsums, deren stoffliche Qualitäten sie schöpferisch auslotet und deren Werthaftigkeit sie durch aufwändige künstlerische Bearbeitungstechniken völlig neu definiert, indem sie - in ihrem aktuellen Werk beispielsweise - Kunststoff nicht gießt sondern graviert, mit den aufwändigen Techniken des Goldschmiedens bearbeitet. Neudefinition bedeutet auch, dass sie im Arbeitsprozess das Material von seinen ihm alltäglich zufallenden Symbol- und Wertzuschreibungen befreit und sie so dem Betrachter die Möglichkeit schafft, es mit neuen, von ihm gesetzten Zuschreibungen aufzuladen: das Objekt wird so in ein mit neuem Text aufgeladenes Objekt der Kunst transformiert. Das zuvor scheinbar wertlose Material erfährt durch die Arbeit der Künstlerin seine neue Be-Wertung. Es geht Ute Eitzenhöfer darum, den sinnlich erfahrbaren – visuellen wie haptischen -, ästhetischen Charakter der Materialien und ihre gesellschaftlichen Verortungen aufzusuchen, zu befragen und darzustellen. Ihre Arbeiten sind poetische Texte ohne Worte über Sein und Vergänglichkeit der stofflichen Welt dieser Materialien, deren passagere zeitliche Dimension sie durch das kontrastierende Hinzufügen beständiger und auch edler Materialien wie beispielsweise Stein herausarbeitet. Meist äußerst sparsam hingegen, zum Teil nur auf nicht sichtbaren Stellen verwendet sie Edelmetall wie etwa Gold. Das Kontrastieren unterschiedlicher stofflicher Qualitäten ist bei ihr hilfreiche Methode, um sich ihren Materialien emotional und intuitiv anzunähern und sie zum Sprechen zu bringen. Ich zögere nicht zu sagen, dass Eitzenhöfers künstlerische Sprache, auch wenn sie selbst bei den Arbeiten aus bedrucktem Papier ohne das Wort als dechiffrierbares Agglomerat von Zeichen auskommt, poetisch zu nennen ist. Sie sind poetische Texte, die die Farben und Töne und den Klang der Stofflichkeit der Welt lautlos, doch anrührend tragen. Ihre Stücke sind nicht narrativ, erzählen nicht die Geschichte der Welt, noch weniger Geschichten: vielmehr sind sie Offenbarungen oder Verkündigungen des Seins, die sich dem Betrachter augenblicklich mitteilen und erschließen. Es sind seit einigen Jahren künstlerische Objekte, die, wenn auch die meisten als Schmuckstücke getragen werden können, die Ebene des ornamentalen Juweliersschmuck mit seinen zumeist den sozialen Status des Trägers fixierenden Wert- und Bedeutungszuweisungen verlassen. Es sind existenziale Texte, die als Äußerungen der Welt am Körper getragen werden können. Auch wenn sie im Ergebnis die Ebene des schmückenden Schmucks transzendieren, gibt ihnen Ute Eitzenhöfer unangestrengt und durchaus reflektiert die konstruktive Funktion eines als Ring, Halsschmuck oder Brosche ohne Strapaze tragbaren Objekts. Insofern machte und macht sie auch Schmuck, sogar Schmuck in Kleinserien – jedoch nicht als kommerziell notwendige Verbeugung vor den Anforderungen des kaufenden Publikums. Sie weiß sehr genau um die komplexen Relationen zwischen Schmuckstück und Schmuckträger, weiß um ihren magischen Aspekt wie um ihre biographischen wie sozialen Implikationen. Ihre Schmuckobjekte fordern allerdings die sinnlich-geistige Offenheit des Trägers gegenüber der existenziellen Botschaft des Stücks, gegenüber seiner Masse und Materialhaftigkeit sowie gegenüber seinem poetischen Klang heraus: nur ein Bekenntnis zur Botschaft des Stücks auf dem Wege der bewussten Identifikation erscheint möglich: Der Mensch als sich seiner und der Botschaft bewusster Träger des Textes, der Ute Eitzenhöfers Weltsicht formuliert.

Die Künstlerin hat in den zurückliegenden Jahren immer wieder den Versuch gemacht, die geistig-leibliche Beziehung des Schmuckstücks zu seinem Träger auszuloten, sogar jenseits optischer Zeichenhaftigkeit von Schmuckobjekten: so schuf sie 2002 eine bereits aus kurzer Entfernung unsichtbare Kette aus weißen Haaren, deren schiere Anwesenheit am Körper sich der Trägerin dergestalt mitteilte, dass diese ob der Zartheit und Zerbrechlichkeit des Schmuckstücks ihr Körpergefühl wie ihre Haltung und ihren Gang der besonderen Qualität anpasste: nicht sichtbarer Schmuck, der durch seine Materialität Wirksamkeit entfaltet. Es ist eine ganzheitliche sinnliche Ebene jenseits des Wortes und auch der augenscheinlichen Wahrnehmung, die Ute Eitzenhöfer mit ihrem Werk anstrebt. Es geht um eine ganzheitliche synästhetische Wahrnehmung, die Auffassung des Schmuckstücks und seiner Materialbeschaffenheit mit dem ganzen Körper und mit allen Sinnen, also auch den Fühlsinnen, die einen Zugang zum Werk jenseits der Sprachlichkeit ermöglichen. Durch die taktile Berührung und Erfahrung des Schmuckobjekts erfährt sich der Körper des Schmuckträgers selbst und wird sich seiner gewiss, das Stück transzendiert gleichsam die physischen Grenzen des Körpers und wird Teil der leiblichen Selbstwahrnehmung auf der reflexiven Ebene.

Mit ihrem philosophisch inspirierten Schaffensansatz hat sich Ute Eitzenhöfer innerhalb nur weniger Jahre nach Auffassung der Fachwelt in die Spitzengruppe der deutschen und europäischen Schmuckschaffenden hervorragend positioniert. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule in Pforzheim war die gelernte Goldschmiedin ab 1996 bis 2005 freiberuflich als Gestalterin für künstlerischen Unikat- und Serienschmuck tätig. Dabei ist es ihr gelungen, sich in einem sehr schwierigen Markt auch ökonomisch erfolgreich zu etablieren. Heute sind ihre Arbeiten nicht nur in internationalen Galerien wie beispielsweise der Galerie MARZEE in Nijmegen vertreten, sondern werden auch in einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen national und international präsentiert. Besonders zu erwähnen ist ihre Teilnahme an der 8. Triennale für Form und Inhalte in Frankfurt und Sidney, Australien 2000 und 2001, der 9. Triennale für Form und Inhalte 2003 im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst und dem Museum of Arts & Design in New York sowie an der Ausstellung „Choice“ – Zeitgenössischer Schmuck aus Deutschland im Museum of Arts and Craft in Itami, Japan, sowie ihre Einzelausstellungen in den Jahren 1996, 1999, 2001 und 2002 bei MARZEE. Ihre Arbeiten waren innerhalb nur weniger Jahre zu sehen unter anderem in Sonderausstellungen der Internationalen Handwerksmesse in München, in Helsinki, in Lausanne, in Pforzheim, in Berlin, in Barcelona und in London. 2000 hat sie mit dem hochdotierten Marzee-prijs und dem 3. Preis des hessischen Staatspreises hohe künstlerische Auszeichnungen erhalten, 2001 erfolgte ein Förderankauf des Schmuckmuseums Pforzheim durch den ISSP für die Abteilung „Junge Schmuckkunst im Museum“. Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen privaten und in öffentlichen Sammlungen wie in The Marzee Collection in Nijmegen, Niederlande, dem Van Rekum Museum Apeldorn, Niederlande, dem Schmuckmuseum Pforzheim und dem Museum für angewandte Kunst in Frankfurt/Main.

In Ute Eitzenhöfer begegnen wir einer sehr nachdenklichen künstlerischen Persönlichkeit, die ihre fragenden und nach Erkenntnis suchenden Gedankengänge nicht nur in Schmuckobjekten sublimiert, sondern die auch schreibt: Gedichte, die manchmal auch als Prosa vorkommen. Ich möchte zum Schluss aus einem Gedicht, mit „Brillanten, die nicht immer unnötig sind“ übertitelt, zitieren, dem der Titel dieser Ausstellung entstammt:

„Anstatt derer ich aber auch etwas anderes benutzen könnte

Von dem, was verloren geht, von dem, was übrig bleibt.

Von dem, was verloren geht, obwohl man es behalten wollte.

Von dem, was bleibt, obwohl man es nicht will.

Etwas über das Passen von Nichtpassendem,

etwas über das Fügen vom Nichtfügsamen.

Etwas über das Einzelne im Vielen,

Das Bemerken.

Das Verlieren.“


16. Januar 2015