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Edelstein und Schmuck

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SchmuckDenken IV (2008) - Ornament und Gesellschaft

Nachfolgender Text wurde verfasst von Andreas Pecht - besuchen Sie seine Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterWeb-Site (www.pecht.info) - es gibt dort auch die Nachlesen der Symposien der vergangenen Jahre.

Sinn und Unsinn des "schmückenden Beiwerks"
Symposium "Schmuck-Denken 4" in Idar-Oberstein thematisierte das Thema "Ornament"


ape. Zum vierten Mal seit 2005 führte jetzt die Symposien-Reihe „Schmuck-Denken“ Künstler, Kulturwissenschaftler und Studierende aus mehreren europäischen Ländern zwei Tage lang in der Fachhochschule für Edelstein- und Schmuckdesign in Idar-Oberstein zusammen. Wie in den Vorjahren stand die Veranstaltung unter dem Generalmotto „Unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“. Im Zentrum der 2008er-Tagung wurde über das Thema „Ornament“, über Sinn und Unsinn von „schmückendem Beiwerk“ gesprochen.
 
Folgender Satz stieße gegenwärtig wohl auf erheblichen Protest: „Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Primitiver.“ Gesagt hat das Adolf Loos um 1908, nicht ahnend, dass ein Jahrhundert später unter den jüngeren Menschen in den entwickelten Industrienationen Tätowierungen wieder mehrheitsfähig sein würden - einerseits als gedankenlos nachgeäfftes Modephänomen, andererseits als Symbol von Widerspenstigkeit gegen die geschniegelt-glatte Nützlichkeitsmaxime der ökonomistischen Gegenwart. Dem Pionier der Moderne-Architektur galt schmückende Schnörkelei an Leibern, Kleidern oder Bauwerken noch als Überbleibsel vorzivilisatorischer Existenz und Ornamentlosigkeit als aufgeklärtes „Zeichen geistiger Kraft“.

Christina Threuter von der Uni Trier stellt beim Idar-Obersteiner Symposium die Ablehnung von Ornamenten durch Loos zur Debatte. Zwei Gruppen gesteht der Verfasser der Schrift „Ornament und Verbrechen“ das Recht auf schmückendes Beiwerk zu: Primitiven Völkern und Frauen, beide seien sie von ihrer magisch-animistischen und/oder triebhaften Disposition her an Schmuck gebunden. Für zivilisatorisch fortgeschrittene Menschen, Männer der (klassischen) Moderne also, könne hingegen Unpraktisches nicht schön sein.

Solch eine radikale und obendrein aus chauvinistischem Weltbild hergeleitete These ist heute nicht mehr akzeptabel. Die Symposien an der Nahe hatten schon in den Vorjahren deutlich gemacht, dass Schmuck in der Menschheitsgeschichte teils sehr praktische Funktionen erfüllte und noch erfüllt: Als Symbol für Stammes- oder Klassenzugehörigkeit, als Hierarchiezeichen, als Ausdruck von Reichtum und gesellschaftlicher Position. Im 20. Jahrhundert avisierte Schmuck zum Mittel der Unterstreichung von Individualität, bisweilen gar zur Demonstration von Unangepasstheit und gewolltem Normverstoß. Mehr noch: Der Idar-Obersteiner Diskurs hat über die Jahre klar gemacht, dass Schmuck auch Kunst jenseits der Tragbarkeit sein kann; Kunst im Sinne von Weltdeutung.

Burghardt Schmidt von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach verweist auf ein wellenförmiges Auf-und-Ab der Lust am Ornament im Zusammenhang mit historisch-gesellschaftlichen Krisen: Die überbordende Ornamentfülle in der Schlussphase des Barock, dem Rokoko, sei als Abgesang des untergehenden Feudalismus deutbar, die relative Klarheit des Klassizismus als Ouvertüre zur aufkommenden bürgerlichen Ästhetik. Historismus, Jugendstil, Expressionismus, neue Sachlichkeit – stets wandelt sich auch die Ornamentik von kompliziert zu einfach und wieder zurück zu kompliziert. Wie steter Wechsel überhaupt eine Eigenart des Ornamentes ist, weil es ohne ihn seine Urfunktion des hervorhebenden Zeigens verlieren würde: Der immergleiche Schmuck wird langweilig, reizlos, unauffällig.

„Was ist in der gegenwärtigen Menschheitslage Schmuck?“, fragt in Idar-Oberstein Johannes Stüttgen. Seine Antwort: Schmuck ist vielfach herabgesunken zu etwas banal Äußerem, geht unter im Kitsch. Darin trifft sich der Düsseldorfer Beuys-Schüler mit Schmidt, der in der aktuellen Event-Kultur eine „Ornamentik der Inszenierung“ ausmacht. Soll heißen: Inzwischen werden Kulturevents häufig nicht mehr der Kultur, sondern bloß noch des Events wegen veranstaltet und besucht. Schmidt nennt die Extremfälle dieser Entwicklung „Inszenierung von Nichts“, moniert auch im Hinblick auf den Schmuck vielfach „Ornamentsysteme, die nichts mehr zu zeigen haben“.

Das sind Befunde, die Nachdenklichkeit provozieren und einmal mehr vor Augen führen, dass die volkstümliche These des „schmückenden Beiwerk“ ebenso richtig ist wie für das Verständnis des Phänomens Schmuck unzulänglich. Weshalb der Idar-Obersteiner Diskurs „Unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“ auch im kommenden Jahr fortgesetzt wird.



Theo Smeets, March 14, 2011
Dr. Burghart Schmidt
Dr. Dr. h.c. Helmut Neunzert
Prof. Reinhard Bahr
Lin Cheung
Drs. Marjan Unger