Gestaltung
Edelstein und Schmuck
englisch
24.05.07 16:59 Alter: 11 Jahre

SchmuckDenken III

Kategorie: FR Edelstein und Schmuck, Präsentationen, Firmenprojekte, Workshops, Pressespiegel, Awards, Veranstaltungen

Von: Andreas Pecht

Gedränge im kleinen Studiengang für Edelstein- und Schmuckdesign in Idar-Oberstein. Rund 160 Schmuckkünstler, Wissenschaftler, Studierende sind zum dritten Symposium „Schmuck-Denken“ gekommen, doppelt so viele wie bei der ersten Tagung 2005. Englisch ist für zwei Tage Hauptsprache in der Fachhochschule, denn ein Drittel der Kongressteilnehmer ist aus dem europäischen Ausland angereist. Das Interesse gilt dem vor drei Jahren hier begonnen Diskurs „Unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“.

das Plenum

Prof. Dr. Menninghaus

Ellen Maurer-Zilioli (Mitte)

Prof. Kadri Mälk

Von Jahr zu Jahr wachsende Teilnehmerzahl, zunehmende Internationalität, geballte Präsenz von Hochkarätern aus der europäischen Schmuckszene: Die Idar-Obersteiner Symposien-Reihe „Schmuck-Denken“ trifft offenbar auf ein spezifisches Interesse. Woran? Am inspirierenden Nachdenken über das, was Schmuck ist, sein soll, sein kann – jenseits der überkommenen Selbstverständlichkeit als Dekoration seines Trägers. Am Anfang scheint die Frage, was Schmuck sei, ganz einfach beantwortbar: Schmuck ist, was schmückt; und weil Schmuck schön ist, macht er auch den Menschen schöner.

Wenn´s so einfach wäre. Ist es aber nicht, das machten bereits die Kongresse an gleicher Stelle in den beiden Vorjahren deutlich. 2005 wurde von Kulturwissenschaftlern auf mannigfache soziale Bedeutungen von Schmuck verwiesen. Er kann Ausdruck von Clan- oder Klassenzugehörigkeit, Familienstand, Beruf , Alter sein, kann als Rang- oder Ehrenzeichen gesellschaftlichen Status ausweisen, war/ist in vielen Kulturen und Religionen rituelles Signum (Bischofsring). Schmuck kann von Reichtum zeugen oder von Erfolg bei der Jagd (Klauenkette) und im Krieg (Orden).

2006 formulierten Schmuckkünstler selbst einige Theorieansätze für ihr Schaffen. Da wurde schnell klar, dass es tiefgreifende Unterschiede im Verständnis gibt, je nachdem ob Schmuck als Accessoire zur Personenverzierung oder als künstlerisches Objekt verstanden wird. Die Frage, „was ist Schmuck?“ musste erweitert werden durch „was ist Schmuckkunst?“. Tragbarkeit bleibt nicht länger zentrales Merkmal: Schmuckkunst kann tragbar sein oder nur zum Anschauen gedacht. Und wenn sie am Leib getragen wird, was wird dann im Zusammenspiel von Stück und Träger aus den Intentionen des Künstlers mit seinem Werk? Denn Kunstwerke weisen stets über ihre sinnliche Erscheinung hinaus, sonst wären sie nicht Kunst.

Manfred Nisslmüller, einer der großen älteren Avantgardisten der Schmuckszene, formulierte vergangenes Jahr radikal: „Schmuck ist Störung“ - Störung der Erscheinung des Trägers, Störung gewohnter Wahrnehmung und Ästhetik. Wobei Schmuck in diesem Sinne vor allem Objekte meint, die sich bewusst in Kontrast zur überlieferten Schönheits-Konvention klassischer Schmuck-Komposition aus Ebenmaß, Harmonie und Glanz setzen. Dieser Gedanke mündet beim 2007er-Symposium in die Frage insbesondere an das zeitgenössische Schmuckschaffen: Was ist Schönheit?

Der Schweizer Altmeister Bernhard Schobinger erläutert anhand der eigenen Entwicklung, wie aus dem Abwenden von der überkommenen Ästhetik eine, seine, neue entstand. „Tabubruch ist eine Lust“ erkannte er, und diese Lust führte ihn in den 1970ern weg von geometrischen Formen, „zu Tode polierten Oberflächen“ und Begrenzung auf „edle“ Materialien. Aus der Erkenntnis „jede Norm setzt Grenzen, und alle Grenzen grenzen aus“ leitete er für sich die Maxime ab: „Es kann mir niemand etwas vorschreiben.“ So begann Schobinger die Tür zu neuen Schönheiten zu öffnen, die noch vor wenigen Jahren als unerhört galten: die zum Armreif gebogene Vorhangstange, die goldüberzogene Bananenschale, der zersägte und in welliger Neuform zusammen gesetzte Ring.

Die ehernen Grenzen zwischen „schön“ und „hässlich“ sind gefallen, weil die ästhetischen Normen und sozialen Sinnzuweisungen von Schmuck in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft nur noch bedingt oder gar nicht mehr funktionieren. Das machten in Idar-Obersteiner neben Schobinger Künstler wie Lucy Sarneel, Iris Bodemer, Kadri Mälk oder Manuel Vilhena an ihren Arbeiten deutlich. Rostender Stahl mit Diamant, ausgequetschte Zahnpastatube mit Silberauflage, Ring nur aus verknoteter Schnur – was Schmuck ist, lässt sich heute verbindlich nicht mehr feststellen, Schönheitsempfinden ist so unterschiedlich wie es individuelle Biografien sind.

Bestätigt wird dieser Befund durch Geisteswissenschaftler, deren Begegnung mit den Schmuckkünstler zu den Besonderheiten des Idar-Obersteiner „Schmuck-Denkens“ gehört. Winfried Menninghaus sieht die Geschichte des Sich-Schmückens im Kern als eine Kulturgeschichte der Signale in der sexuellen Geschlechter-Werbung. Wobei er feststellt, dass historisch Schmuck vor allem ein Werbungsmittel des Mannes war (als eigenes Statussymbol und als Geschenk), dass mit der modernen „Unübersichtlichkeit der Geschlechterrollen“ Schmuck im Begriff ist, für beide Geschlechter neue Funktionen wahrzunehmen.

Der Philosoph schließlich, Uwe Voigt, plädiert für eine Besinnung auf die ursprünglich enge Beziehung zwischen Schmuck und Denken: In der vorsokratischen Philosophie galten Schmuck und Universum noch als Wesensverwandte, waren gleichermaßen im Begriff „Kosmos“ gefasst. Diese Einheit ist längst zerbrochen und nicht erst die Gegenwart leidet an der Missachtung der grundlegenden Tatsache, dass „das ästhetische Empfinden das zentrale Moment menschlichen Bewusstseins ist“. Das große Ganze sei wieder gefragt, meint der Philosoph, „eine große Allianz von Denken und Ästhetik“. In Idar-Oberstein gibt es sie – seit 2005 wenigstens für zwei Tage im Jahr.

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ReferentInnen

Prof. Dr. Menninghaus
Willi Lindemann
Lucy Sarneel
Prof. Dr. Birgit Richard
Dr. Uwe Voigt
Manuel Vilhena
Iris Bodemer
Prof. Kadri Mälk
Bernhard Schobinger

Prolog - Willi Lindemann

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich möchte Sie ganz herzlich zur dritten Folge unseres wissenschaftlichen Kolloquiums „Schmuck – Denken – auf dem Wege zu einer Theorie des Schmucks“ begrüßen.

Als wir unsere Suche nach einer Theorie des Schmucks vor nun mehr als drei Jahren begannen, taten wir das vor allem mit der Wahrnehmung, dass es auf der Seite der Schmuckmacher, insbesondere in der Praxis der sich als Künstler verstehenden, eine zwar zumeist eher unterschwellig geführte, doch sehr prinzipielle Debatte über die schmückende Funktion des Schmucks gibt. Man könnte sie in der Aussage zuspitzen, dass Schmuck sich gewissermaßen seiner schmückenden Eigenschaft entledigt und sich vom Schmucksein emanzipiert, sobald er zum Kunstwerk wird und dadurch eine besondere Semiotisierung, eben die des Kunstwerks, erfährt. Schmuck und Kunst scheinen ein ambivalentes Verhältnis zu haben, sich nicht miteinander zu vertragen.

Diese Diskussion spiegelt eine auf den ersten Blick offensichtliche Entwicklung und einen Zustand, in dem die Welt des Schmucks radikal gespalten erscheint: Auf der einen Seite steht ein Schmuck, der sich ganz offen zum Kult tradierter Schönheitsvorstellungen und als Personenverzierung bekennt. Dabei scheint es in ästhetischer Hinsicht völlig zweitrangig, ob er als durch Design konfektioniertes Industrieprodukt wohlfeil und massenhaft verkauft oder als sündhaft teures Teil aus edelsten Materialien vom Juwelier individuell gefertigt wird – letzteres bekommt allerdings als Index des sozialen Status des Trägers/der Trägerin eine besondere Bedeutung. Auf der anderen Seite steht die – in Marktanteilen gerechnet eher kleine – Welt des Autorenschmucks, in der sich der Autor des Schmucks als Künstler versteht und der Kunstwerke schafft, die sich, je mehr sie sich für die künstlerischen Diskurse der Gegenwart öffnen, sich von der schmückenden Funktion zu emanzipieren scheinen. Zur künstlerischen Aussage geworden, erfährt er seine eigentliche Nobilitierung am ehesten in der Sammlung eines Museums, während der schmückende Schmuck seine Trägerin oder seinen Träger schön macht und adelt.

Auch wenn ich nicht außer acht lasse, dass sich Schmuck-Kunst des Repertoires tradierter Vorstellungen von Schönheit und von Schmücken bedienen kann, indem sie sie reflektierend aufnimmt, so sind es doch zwei Welten des Schmucks, die nicht selten sogar scharf voneinander geschieden sind, wenn ich an die schon traditionellen Attacken aus Schmuckbranche auf die Schmuckkünstler denke, und deren Trennung andererseits auch nur rhetorisch und etwas hilflos überbrückt wird, wenn sich Schmuck-Kunst als Avantgarde des Schmuckdesigns und der Schmuckmode zu erklären sucht, um in der Welt des Marktes gesellschaftliche Relevanz zu signalisieren.

Mit unserem Theorie-Projekt Schmuck-Denken wollen wir uns der hinter diesen von mir beschriebenen Frage zuwenden, was Schmuck sei und was er bedeutet, jener uns aus der damaligen Sicht nicht so leicht zu beantworteten Frage, die uns gewissermaßen zu einer umfassenderen Theoretisierung zu drängen schien und noch immer scheint. Andererseits stellten wir nämlich fest, dass auf der Seite der „zuständigen“ Kulturwissenschaften dieses bislang noch kaum geleistet schien – obwohl Schmuck und Schmücken Alltagsphänomene sind – und bislang nur jeweils sehr spezielle Perspektiven auf den Schmuck anzutreffen sind, die Schmuck entweder als Gegenstand der Kunstgeschichte oder der Psychologie oder der Anthropologie fassen, ohne sich dem Phänomen in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise als eine Theorie des Schmucks zu nähern.

Das hat uns so neugierig gemacht, dass wir uns vornahmen, uns mittels einer Folge von Colloquia auf die Suche nach der Theorie des Schmucks zu begeben. Die seitdem wachsende Resonanz auf Schmuck-Denken zeigt, dass wir nicht alleine mit unserer Neugier stehen.

Während wir 2005 in erster Linie unterschiedliche Positionen aus den Kulturwissenschaften zum Thema einsammelten, begannen wir im vergangenen Jahr 2006 damit, mehr exemplarisch, die jeweiligen theoretische Ansätze im künstlerischen Werk von Manfred Nisslmüller, Suska Mackert und Jivan Astfalck vorzustellen und zu beleuchten. Ich möchte beispielhaft der Vortrag von Suska Mackert in Erinnerung bringen, die einerseits die Bedeutung von Schmuck bei der Zuweisung von sozialem Status, andererseits aber auch bei der Konstruktion des eigenen Selbsts herausgearbeitet hat.

Mit unserem diesjährigen Thema „Schönheit“ wollen wir die Frage nach dem Wesen des Schmucks gewissermaßen erstmals sehr zugespitzt „auf den Punkt“ bringen. Wir folgen damit einer Spur, die Künstler wie Manfred Nisslmüller in ihrem Werk gelegt haben, indem sie insbesondere der schmückenden Funktion von Schmuck zuwenden und diese in ihren Kontexten hinterfragen.

Schon der Begriff des Schmückens, mit dem wir „Schönheit“ als „Sich-schön-Machen“ konnotieren, verweist zugleich auf die soziale Dimension von Schönheit und das Streben nach sozialer Anerkennung als einer anthropologischen Konstanten: der dem Menschen angeborene Drang nach sozialer Anerkennung und damit zu gefallen findet seinen Wiederschein in der Formulierung „Schön ist, was gefällt“ und erahne schon im Voraus Ihr Aufstöhnen, wenn ich hinzufüge: „Am allerschönsten ist etwas, wenn es allen gefällt.“. Es handelt sich um einen Satz, der besonders im Kreise dieses Auditoriums, das sich überwiegend aus Menschen zusammensetzt, die sich den Künsten verpflichtet fühlen, etwas aufspannend wirken muss, da er so offensichtlich den Jahrtausende alten, differenziert geführten ästhetischen Diskurs über das Schöne außer Betracht lässt, Schönheit zu einer Frage der sozialen Anerkennung macht und im Ergebnis auf die nivellierende Konsequenz zuzulaufen scheint, dass Schönheit unstrittig gegeben ist, wenn sie von allen, oder zumindest vielen als solche anerkannt ist. Dahinter würde der angeborene Drang stehen, genauso zu sein wie alle, und der sich selbst als das erste Gesetz eines objektiven, allgemein gültigen Schönen formuliert. Um diese These zu stützen, kann ich allerdings, zusammen mit Winfried Menninghaus, auf die Ergebnisse der empirischen Schönheitsforschung und zudem auf Kant und Winkelmann verweisen: „ „Attractiveness“ ... korreliert negativ mit „distinctiveness“. Je weniger individualisierende Merkmale ein Gesicht aufweist, desto höher sind seine Chancen, in einer rein ästhetischen, von allen sonstigen Kenntnissen der Person freien Beurteilung als schön bewertet zu werden. Auch Kant hat die Reinheit des ästhetischen Urteils von allen nicht-ästhetischen Begriffen und Ausdruckswerten propagiert: die „Normalidee“ eines schönen menschlichen Körpers ist ihm ein reines Gestaltschema ohne jede besondere Note, eine „vage Schönheit““. Menninghaus verweist allerdings auch darauf, dass sowohl Kant als auch Winkelmann die Vorstellung von der Unbestimmtheit zurück gebunden haben als Ausdruck einer Vernunftidee oder einer sittlichen Werthaftigkeit.

Wir nehmen andererseits aber heute auch wahr, dass uns trotz der Ergebnisse der empirischen Schönheitsforschung der Glauben an die Wirksamkeit der aufgeklärten Vernunftidee des Schönen verlassen und eher pluralistischen Schönheitsvorstellungen Platz gemacht hat. Denn das Begehren, sich schön zu machen im Streben nach Anerkennung „so zu sein wie“ ist immer sehr konkret und bezieht sich auf die eigene Gruppe, die Familie, die Peers, eine bestimmte soziale Gruppe und bildet insofern zugleich schon das „Anders sein als“, also ein Unterscheidungsmerkmal. Und mit dieser Relativierung von schmückender Schönheit beginnt die doppelte Karriere von Schmuck – als Index für Geschlecht, sozialen Status, Gruppenzugehörigkeit und als auf das eigene Selbst gerichtete Manifestation der eigenen Identität. Hierzu hat insbesondere Birgit Richard, die wir ebenfalls morgen hören werden, gearbeitet.

Obwohl, ich hier nur eine einführende Bemerkungen machen und nicht allzu sehr bereits in die inhaltlichen Themen unserer Referentinnen und Referenten eindringen möchte, muss ich doch noch einmal auf Winfried Menninghaus zurückkommen: er hat in seinem Buch „Das Versprechen der Schönheit“, auf Darwin, aber vor allem auch multiple künstlerische Ausdeutungen dieses Themas rekurrierend, noch ein weiteres, genetisch angelegtes Schönheitsprogramm herausgearbeitet: Man(n) will zwar so schön sein wie alle anderen der gleichen Art, allerdings sich durch ein noch größeres individuelles Maß an Schönheit herausheben und sich dadurch als besonders attraktiv zeigen. Dies führe zu einem, von ihm als „runaway“ bezeichneten, in der Tendenz fatalen Kult der Schönheit, der letztlich sogar bedrohlich für die eigene Existenz werden könne: Schönheit, auf die Spitze getrieben, kann im Hang zur zuspitzenden Übertreibung nicht nur zum Genuss, der weh tut, sondern sogar zum Tode führen. Zwei Veränderungen bezüglich des Kultes des Schönen hält Menninghaus für den Übergang in die Moderne fest. Die Orientierung am Schönen beinhaltet eine zunehmende Anforderung, an Schönheit zu arbeiten. So wächst mit den technischen Möglichkeiten, Schönheit medial zu erzeugen und allgegenwärtig zu halten, der in vielerlei Hinsicht ambivalente Anpassungsdruck, auch den eigenen Körper zu modeln. Parallel dazu dient Schönheit zunehmend der "ästhetischen Selbstbegründung": die ästhetische Selbstgestaltung als Legitimation der eigenen Existenz. Hier ist es nun die Kunst, die in der Moderne zu einem ausgezeichneten Bereich des "freien" Schönen wird, indem sie entgegen der Tendenz zur Ornamentalisierung und Verpuppung das Schöne wieder an den ganzen Menschen zurückbindet. „In dieser Rolle kompensiert sie nicht die Akzeptanzdefizite von Religion und Metaphysik; ebenso wenig ist Ästhetik etwa das Resultat einer fortschreitenden Säkularisierung traditioneller Religionen. Ihr wächst vielmehr kraft ihrer eigenen Gegebenheiten eine genuin religiöse Funktion zu, welche frei flottierend geworden ist und nach neuen Besetzungen verlangt, die nicht bereits der gleichen 'Entzauberung' unterliegen wie die herkömmlichen Riten und Glaubensinhalte." (S. 260) Menninghaus bestimmt jedoch auch die kulturelle Grenze dieser Freiheit: "Eine Freiheit, nicht zu wählen, das 'Spiel' der ästhetischen Selbstbeglaubigung nicht mitzuspielen, gibt es immer weniger." (S. 263-264)

Mit diesen, mit Absicht eher im Allgemeinen gehaltenen Bemerkungen möchte ich ein wenig das Feld umreißen, das wir insbesondere mit den Vorträgen von Prof. Winfried Menninghaus und Prof. Birgit Richard am Mittwochvormittag bearbeiten wollen. Hinzu kommt eine „Theorie einer Theorie des Schmucks“ von Uwe Voigt, der uns aus der Perspektive des Philosophen, vor allem im Rekurs auf das vorsokratische kosmologische Denken, in dem Philosophie eine Philosophie des Schmucks gewesen sei – Kosmos bedeutet soviel wie Schmuck -, Antworten auf unsere Ausgangsfrage zu geben versuchen wird, gewiss aber unsere Fähigkeit zu fragen schärfen wird..

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ihnen muss ich an dieser Stelle sicher nicht weiter ausführen, dass mit diesen Feststellungen zum Bedürfnis nach schmückender Schönheit als einer anthropologischen Konstituenten viele Phänomene des Schmucks – um in der Gegenwart zu bleiben: vom modischen Accessoire im Tschibo-Geschäft bis zum Piercing-Objekt oder dem tödlichen Körper-Konzept der Magersucht – angesprochen werden.

Wovon bislang noch kaum die Rede war: der mit der Antike einsetzende ästhetische Diskurs über Schönheit. Hierzu haben wir heute Abend und morgen Nachmittag mit Lucy Sarneel, Bernhard Schobinger, Iris Bodemer, Manuel Vilhena und Kadri Mälk fünf bedeutende zeitgenössische Schmuckkünstlerinnen und Schmuckkünstler eingeladen, die sicher sehr unterschiedliche künstlerische Konzepte als Antwort-Versuche zu unserer Fragestellung vortragen werden.

Bitte erwarten Sie jetzt nicht von mir, dass ich Ihnen an dieser Stelle einen kurzen Aufriss dieser Positionen zu zeichnen versuche. Das wäre kaum angemessen und auch nicht möglich, zumal einige von ihnen auf ein in Jahrzehnten gewachsenes Werk blicken, in dem sie sich immer wieder, auch mitunter die Perspektive wechselnd mit der Frage nach dem Schönen beschäftigt haben. So sehe ich in den frühen Arbeiten Schobingers aus den 1960er Jahren in seiner Auseinandersetzungen mit der konkreten Kunst eines Max Bill den abendländischen Kult am Schönen und auch die Tradition Kants noch wirksam, der allerdings, vor allem angeregt durch die 1968er Revolten, einer umfassenden Rezeption der so unheilen Welt der Alltagsgegenstände und ihrer ästhetischen Qualitäten Platz macht und sich über neodadaistisch erscheinende Manifestationen und surreale Träume nach einer neuen Ordnung der Dinge streben, die als ein geistiges Prinzip schön ist und in sich ruht.

Zum Ende meines kurzen Einführungsvortrages, der Ihre Geduld hoffentlich nicht allzu sehr strapaziert hat, möchte ich noch eine kurze Rückkoppelung vornehmen zwischen dem Thema unseres Colloquiums und der Stadt Idar-Oberstein, der Stadt der Edelsteine. Ich hoffe, dass ich nicht sehr falsch liege mit der Vermutung, dass insbesondere geschliffene Edelsteine in der gesellschaftlichen Konvention vollkommener Ausdruck, Symbole des Schönen sind. Bezeichnenderweise ist ihr erster Bewertungsmaßstab die Reinheit und das Fehlen eines jeglichen die Reinheit störenden Faktors. Mir kommt der Kantsche Satz von der Vagheit des Schönen in den Sinn. Hinzu kommt ein facettierender Schliff, der seinerseits mathematischen Grundsätzen folgend, die vage Schönheit des Materials in der formalen Darstellung als Gesetz des Schönen und einer im Denken der Antike wurzelnden Vorstellung einer sich dem Chaos widersetzendenden kosmologischen Ordnung fasst und zum Brillieren bringt. Erst danach beginnt ein Prozess semiotischer Aufladungen: der Edelstein, besonders der Diamant, wird in der Verbindung zu seiner stofflichen Härte, zum Symbol von Ewigkeit und gleichzeitig – als radikaler Antipode zum Organischen – auch zum Symbol der Endlichkeit des Menschen. Womit ich auch wieder bei den oszillierenden Aspekten der Schönheit angelangt bin.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, nun genug der Präliminarien: Schmuck-Denken 3 kann beginnen.

Vortrag Bernhard Schobinger

Wie viele Male ist das Wort Schmuck heute Abend schon gefallen? Haben Sie es gezählt? Man bräuchte so eine Art Zähler wie in Sportstadien.

Sehr verehrte Damen und Herren (und falls anwesend) liebe Freunde und Freundinnen!

Lassen Sie mich voraus ein paar polemische Bemerkungen anbringen.

Was man sich als Außenstehender wahrscheinlich schlecht vorstellen kann, sind die schwierigen Umstände, die vielfältigen Komplikationen und Schikanen unter denen manche Objekte, wie sie im Anschluss noch sehen werden, zustande kamen. Ein Weg gepflastert, fast wollte ich sagen: mit guten Vorsätzen, zum Fegefeuer. Für den Moment nur zwei Beispiele: Die Episode mit dem schwarzen Diamanten, ein Stein von dessen Existenz ich erstmals aus einem Wissenschaftsmagazin erfahren hatte und der mich auf Anhieb elektrisierte.
Der Diamant der gerade wegen seiner Eigenschaft, der Totalreflektion des Lichts seit Jahrhunderten begehrt ist als opaken vollkommen schwarzen d.h. Licht absorbierenden Kohlenstoff vorzufinden, ist ein Paradox, das mich solchermaßen faszinierte, dass ich mich sogleich auf die Suche machte. Doch die meisten Händler hatten kaum je davon gehört, geschweige denn einen solchen Stein gesehen, dies umgab ihn automatisch mit einer Aura von vermeintlich extremer Seltenheit und Exklusivität, eine Täuschung, wie sich später herausstellen sollte.Nach wochenlangem Herumfragen per Telefon wurde meine Neugier, kurz vor der Resignation, mit einem Anderthalbkaräter in Antwerpen gestillt. Noch in den frühen 80er Jahren waren schwarze Diamanten nahezu unbekannt, und der Grund für deren Bedeutungslosigkeit war nicht etwa die Seltenheit in der Natur, sondern schlicht und einfach das Fehlen der Nachfrage.

Wie hat sich das geändert, in jüngster Zeit wird der Markt geradezu überschwemmt davon und ungläubig mag einer sich fragen woher nun plötzlich all das Zeug kommt? Die ersten Naturalien mit denen ich arbeitete waren Ästchen, Grashalme, Lindenblüten, Ranken von Reben und Astlöcher für Ringe, weiter alle Arten von Plastikfundstücken wie Tubendeckel, alte Sonnenbrillen. Dies alles in „cire perdu“-Technik gegossen, das meiste in Gold- und Silberlegierungen und durch eine auf Schmuck spezialisierte Giesserei. Eine Firma für die in jener Zeit vor 30 Jahren, vielleicht mal Efeublättchen oder Müschelchen als maximales Berufsrisiko gerade noch tolerierbar waren, führte meine Aufträge zwar aus, aber oft waren die Güsse missraten und immer wenn ein Paket von der Firma zurückkam, hatte ich ein Gefühl wie in Wetten dass . .  nur, meine Sendungen waren alles andere als erwünscht, brachten unnötig Umtriebe, Stress und schmälerten gar den Gewinn. Ich, meinerseits fühlte mich in keinster Weise ernst genommen und so war es auch: ich realisierte, dass ich eigentlich lästig war.
Als dann im weiteren Verlauf alte Bananenschalen, verschrumpfte Äpfel, Pilze, Käse, Zucker, Teigwaren und andere Lebensmittel in der Firma eintrafen, war das Mass voll, die Post kam zurück, die Schmerzgrenze des Geschäftsführers war überschritten, der Bogen überspannt. Ich konnte mir die Kommentare der Firmenbelegschaft, wenn wieder so ein ominöses Paket eingetroffen kam, lustvoll ausmalen, und gerne wäre ich dabei gewesen.
Die Moral von der Geschicht?: man muss es selber machen, denn anders geht das nicht. So besorgte ich mir kurzerhand eine dentaltechnische Schleudergusszentrifuge plus allem Zubehör.

Viele der hier gezeigten Lösungen scheinen im Nachhinein einfach und simpel und man ist versucht zu sagen: Da könnte ja jede und jeder draufkommen, aber man könnte ebenso gut auch fragen, warum es denn  so lange gedauert hat, warum gerade jetzt und nicht hundert Jahre früher oder später. Warum wird Undenkbares plötzlich denkbar? Spielen da im Zeitalter des Antiautoritären die Missachtung von Vorschriften und Tabus eine Rolle? Unfälle, Zufälle?
Die Frage ist: Gibt es heute überhaupt noch Tabus? Ich meine, dass Ideen weiter aus einer Art „kollektivem Unbewussten“ heraus generiert werden, der Musiker Rupert Shelldrake nennt es das „morphogenetische Feld“. Der Quantensprung einer individuellen Idee überträgt sich in einer Weise die weitgehend unerforscht, aber empirisch zur Genüge nachgewiesen ist, man denke nur an die Phänomene: Telepathie und Prophetie. Was für den einen vorstellbar ist, kann auch für einen andern gelten, falls die Frequenz übereinstimmt. Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte es ein Anderer getan. Man sollte sich aber vergegenwärtigen, dass zwischen der Entstehungszeit der meisten der hier gezeigten Arbeiten und heute mehr als 20 Jahre verstrichen sind,  es also eine ganze Generation gebraucht hat, um diese Arbeiten dem Publikum in einer Ausstellung in Idar-Oberstein zuzumuten. Nun sind die Steine schicksalhaft an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt, sozusagen „auf Besuch“, denn hier in Idar-Oberstein hab ich sie gefunden, beziehungsweise gekauft, jedenfalls den größten Teil davon.

Was allenfalls noch heute anstößig wirkt, um wie viel mehr Mut brauchte es damals, nur schon um sich mit dem Ungewohnten auseinander zu setzen, geschweige denn sich mit diesen Objekten zu identifizieren, sie zu kaufen und zu sammeln. Der Begriff des Schönen sagt nichts mehr oder er ist auf alles anwendbar.
Es waren eine handvoll Freunde und allesamt Kunstsammler oder Galeristen, die mich unterstützten und den Zugang zu meiner Arbeit fanden. Der Rest wünschte mich vermutlich ins Pommerland und selbst meine ehemaligen Lehrer und Kollegen reagierten ablehnend bis wütend auf meine damaligen Ausstellungen, denn sie gehorchten der Norm und dem Kanon des traditionellen Handwerk. Jede Norm aber setzt Grenzen und alle Grenzen grenzen aus. Für mich war aber ziemlich früh ein Grundsatz klar geworden, der hieß: Es kann mir niemand etwas vorschreiben. Die Bücher von Paul Feyerabend: „Wider den Methodenzwang“ und „Erkenntnis für freie Menschen“ mit denen ich später in Berührung kam, waren lediglich eine genugtuende Bestätigung meiner Intention, dass Thesen und seien sie noch so sakrosankt nur solange ihre Gültigkeit bewahren, bis sie früher oder später durch Antithesen wider abgelöst werden und Theorien bei aller Stringenz Denkgebäude sind und weiter nichts.  Oder wie es im buddhistischen Lankavatara Sutra formuliert ist: „Die Dinge sind nicht so wie sie erscheinen, aber anders sind sie auch nicht“ – was gibt es da noch beizufügen?

Praxis geht vor Theorie, das Gegenteil ist meist viel Lärm um nichts oder warme Luft, wie man will. Das heißt aber nicht, dass mich eine Theorie des Schmucks nicht interessieren würde, im Gegenteil, nur kann es meine Sorge nicht sein, denn die Formulierung einer solchen setzt höchste Kompetenz in vielerlei Hinsicht voraus. Meiner bescheidenen Meinung nach ist eine zukünftige Theorie des Schmucks einzig über eine interdisziplinäre Vernetzung von Erkenntnissen aus Archäologie, Kulturanthropologie und Ethnopsychoanalyse formulierbar. Eine ziemlich große Kiste. Der Ursprung, von dem was wir heute als Schmuck bezeichnen, liegt in völligem Dunkel und wird es auch bleiben, diese Objekte mussten einst, das ist sicher, ungeheuer viel mehr beinhaltet haben als wir uns gemeinhin vorstellen, denn sie verkörperten das Weltbild lange bevor Religionen entstanden und Mythen sich bildeten. Wie sonst hätte es in der griechischen Antike und Sprache zu „Kosmos“ kommen können, für das, was wir als Schmuck bezeichnen. „Nomen est Omen“, im Hochdeutschen wie im Schweizerdeutschen, dem so genannten Höchstdeutschen ein für mich höchst peinliches Wort, dessen Nennung im Zusammenhang mit meiner Arbeit mir stets höchste Mühe bereitet. Schmuck und Christbaumschmuck. Das niederdeutsche „Zierrat“ verspricht hingegen keine brauchbare Alternative, Zierrat – Unrat - Verrat, noch schlimmer!

Doch Rückschlüsse auf menschheitsgeschichtlich frühe Vorstellungen z.B. über Formen zeitgenössischer animistischer und atavistischer Kulturen sind untauglich und verhängnisvoll, weil auch diese sich über die immensen Zeiträume hinweg weiterentwickelt haben, zu dem eben, was sie heute sind. Der Avantgardist aber ist, ein Vorausschauender, nicht räumlich im ursprünglich militärtaktischen Sinn, sondern im zeitlichen, es ist einer der seiner Zeit vorauseilt und daraus ergibt sich eine existentielle Schwierigkeit.
Dabei sehe ich mich durchaus nicht als Einzelperson, das Dilemma betrifft generell jeden Künstler in seiner Funktion als Erfinder und Grundlagenforscher.
Die Grundlagenforschung war ja niemals in der Lage sich selbst zu tragen, sondern wird in der Regel immer von Anwendern rückfinanziert oder vom Staat gefördert. Auf dem Gebiet der Kunst und Ästhetik jedoch hat die Evolution für uns offenbar einen Sonderfall vorgesehen: Der Künstler als Individuum bleibt in der Moderne auf sich selbst gestellt und trägt die Risiken und Kosten seiner Experimente allein, dabei wissen wir ja: auch Kunst und Kultur waren bis in 19. Jahrhundert hinein nie selbsttragend. Ist dies der Preis der Freiheit? Und, falls einer sich aus kommerziellen Überlegungen an seine eigene Vermarktung herantraut, wird er davon über kurz oder lang absorbiert und endet meist als mehr oder weniger erfolgreicher Unternehmer oder Hausierer.  Der Markt allein jedoch genügt nicht. Es gibt solche, die einen einzigen Einfall hatten und darauf ihr ganzes Leben verbrachten, das Wenige in Profit zu verwandeln. Das Rezept zum globalen Erfolg nennt man „Label“.
Man muss eine möglichst banale Sache nur fleißig genug und an möglichst jeder Ecke repetieren und es entsteht durch Wiedererkennung ein „Selbstläufer“.  Ausgenutzt wird ein stupides Lemmingverhalten, es zielt nicht auf Kunst sondern auf Statusempfinden.  Mir hingegen bleibt einzig die Verweigerung. Keine Duplikate, keine Serien, keine Muster, kein Stil. Stilbezogenes Arbeiten ein Anachronismus, von gestern, out! Die Vermeidung von Stil ist Kunst! Obwohl sich in anderen Medien wie der Architektur dieser Paradigmenwechsel bereits vollzogen hat, man denke nur an die Bauten von Herzog und Demeuron, wird in unserer Abteilung das Vergeben von Preisen und Anerkennung leider immer noch vom Abspulen geistloser Konjugationsübungen bestimmt.  Akademischen Fleißarbeiten. Man komme mir nur nicht mit den Goldbergvariationen oder Albers „Huldigung an das Quadrat“. Ist eine Idee aber einmal in die Welt gesetzt, wird sie, wenn die Zeit reif ist von professionellen Ideenverwertern auf ihre Markttauglichkeit geprüft. An dieser Stelle übernehmen dann Epigonen die Initiative und Generika beginnen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Die Epigonen aber sind wichtig, da erst sie einer Bewegung die nötige Dynamik verschaffen, welche letztlich den gesellschaftlichen Durchbruch bringt, man denke nur an all die Formen der zeitgenössischen Musikkultur. 
Allein, der unstete Abenteurer ist vielleicht bereits auf einer neuen, unbekannten Insel gelandet.
Wenn wünschbar: kurze Fragepause?

Ausstellung 1 Jahr Artists in Residence

In der Ausstellung in den Räumen der Fachhochschule werden die ersten 12 Arbeiten der neu initiierten Kollektion "Städtische Sammlung Idar-Oberstein" vorgestellt. Es sind Werke von den in 2006 in Idar-Oberstein tätigen Artists in Residence Beate Klockmann (NL), Kathleen Finck (D), Vera Siemund (D), Monika Brugger (F), Jantje Fleischhut (NL), Annette Ehinger (D), Luzia Vogt (CH), Beate Eismann (D), Silke Trekel (D), Monika Strasser (CH), Betty K. Majernikova (SK) und Karin Seufert (D). Neben den Arbeiten der Kollektion stellen alle Künstlerinnen 2 weitere Arbeiten aus.

Die Ausstellungsarchitektur wurde von Tabea Reulecke erarbeitet.

Theo Smeets,  2. Dezember 2011