Gestaltung
Edelstein und Schmuck
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SchmuckDenken IX (2013) - Am Ende des Fortschritts?

Nachfolgender Text wurde verfasst von Andreas Pecht - besuchen Sie seine Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterWeb-Site (www.pecht.info) - es gibt dort auch die Nachlesen der Symposien der vergangenen Jahre.


2013-05-25 Feature:

IX. Symposium „SchmuckDenken“ Idar-Oberstein im Zeichen der Kapitalismuskrise

Schmuck ist mehr wert als bloß Geld

ape. Idar-Oberstein. Herausragende Besonderheit des seit 2005 alljährlich in Idar-Oberstein stattfindenden Symposiums „SchmuckDenken“ ist: Auch wissenschaftliche Disziplinen in denen Schmuck sonst kaum eine Rolle spielt, setzen sich hier mit dem uralten Phänomen des Sich-Schmückens auseinander. Beim jetzt neunten Jahrgang der Tagung am dortigen Hochschulbereich für Edelstein und Schmuck rückten Ethnologen, Kultur- und Wirtschaftswisssentschaftler das Verhältnis zwischen materiellem und ideellem Wert von Schmuck ins Zentrum der Betrachtung.

Vor dem Hintergrund zusehends krisenhafter, unter humanen und ökologischen Gesichtspunkten fragwürdiger Entwicklungen des globalen Kapitalismus bekommt diese Betrachtung rasch aktuelle Dimensionen. Tagungsleiter Theo Smeets fragt nach dem Sinn eines Wachstums, das simple, formschöne, bestens funktionierende Kännchen zur Espresso-Zubereitung ersetzt durch aberwitzig hochgerüstete, ebenso sündhaft teure wie komplizierte Elektronikmonster: Für die Lebensqualität nutzloser Fortschritt, geschuldet allein der vermeintlichen Notwendigkeit von wirtschaftlichem Wachstum?

Sein Idar-Obersteiner Kollege Wilhelm Lindemann ergänzt mit der zugespitzten These: Der heutige Kapitalismus verdrängt die Frage, was wirklich gutes Leben sei, durch eine Ideologie, die Kaufen und Konsumieren – über den eigentlichen Lebensbedarf hinaus – in den Rang einer Heilslehre erhebt. Individuelle Idenditätsfindung vollzieht sich zusehends über ritualisierten Markenkonsum, der das vormalige Privileg der Reichen auf „unnützen Luxus“ zum erstrebenswerten Lebenssinn der Massen macht. Luxus wird zur Droge, Verschwendungssucht zum modernen Statuswettbewerb.

Diese Entwicklung schlägt auf den Schmuck durch. Denn wo er reduziert wird auf ein bloßes Luxusgut, gar auf eine Kapitalanlage, ist er zugleich seiner kulturgeschichtlichen  Bedeutungssphäre und seinem ureigentlichen Wert entrissen. Einem Wert, der historisch mit dem Geldwert der Preziosen gar nichts oder nur nachrangig zu tun hatte. Lindemann unterstreicht dies mit dem Beispiel einer Königskrone: Deren ideeller Wert als Herrschaftssignum und Staatssymbol überstieg ihren materiellen Wert bei weitem.

Der Bonner Ethnologe Christoph Antweiler stützt diese Position mit zahlreichen Beispielen sinn-, idenditäts- und gemeinschaftsstiftender Funktionen von Schmuck, Körperbemalung und Kleidung quer durch die Kulturen der Welt. Da sind Outfits, die Verheiratete von Unverheirateten unterscheiden, einen Stamm vom anderen, einen Beruf vom nächsten, den höhergestellten Amtsträger vom Untergebenen. Da ist Schmuck, der als Familiengut über Generationen weitergereicht wird, der als Stammesschatz oder -heiligtum Gemeineigentum ist und niemals veräußert werden darf. Da sind Schmuckstücke, die als Fetische und Amulette Schutz, Kraft, Heilung, Glück versprechen oder nach außen zeigen sollen: „So bin ich“.

Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun skizziert im Rahmen einer kleinen Geschichte des Geldes, wie ab dem 18. Jahrhundert sich der Männerschmuck im neuen Bürgertum  reduziert vornehmlich auf den Taktgeber der Industrialisierung und wenige besitzanzeigende Zeichen: Taschenuhr nebst Siegel- und Ehering. Anders als im Feudalismus ist der Mann der neuen Herrschaftsklasse der Pflicht enthoben, seinen Status auch durch Leibesputz zu demonstrieren. Die Bourgeoisie macht allein den Körper der (Ehe)Frau zum „nur-schönen“, zum luxuriös  „geschmückten“ Repräsentanten des Reichtums.

Die Nachwirkung lässt sich bis heute etwa bei Gesellschaftsempfängen beobachten: Die Herren fast schmucklos im Einheitslook dunkler Anzüge, die Damen bunt, schillernd, körperbetont  und mit  Schmuckaccessoires glänzend. Allerdings haben diese bürgerlichen Konventionen begonnen, sich aufzulösen: Aus den Sub- und Gegenkulturen des 20. Jahrhunderts dringt etwa in Form von popkulturellem Modeschmuck, von Tattoo und Piercing ein neues Bedürfnis, sich durchaus auffällig zu schmücken, in beide Geschlechter und vom Unterbau der Gesellschaft bis in ihre Spitzen vor.

Handelt es sich dabei um einen neuen Ausdruck von Individualität, oder um die Wiederkehr archaischer Fetischbedürfnisse als Gegenbewegung zur seelenlosen Moderne? Oder ist das doch nur eine besondere Erscheinungsform ritualisierter Massenkonsummode? Solchen Fragen gingen frühere Symposien in Idar-Oberstein nach mit dem Ergebnis: Es gibt intensive unbewusste Wechselwirkungen zwischen wohlfeil forcierten Trends und individuellen Bedürfnissen. Diese bewusster zu machen, darin könne eine Funktion des künstlerischen Autorenschmucks bestehen.
Heuer, da die Frage nach den immer reicher werdenden Reichen und ihren Pflichten gegenüber dem  Gemeinwohl den öffentlichen Diskurs durchzieht, geht auch die Aufmerksamkeit des Symposiums in eine etwas andere Richtung.

Der Wirtschaftswissenschaftler Birger Priddat nimmt in Idar-Oberstein Millionäre/Milliardäre ins Visier und beklagt: Die meisten von ihnen fangen mit ihrem privaten Vermögen nichts Sinnvolles an, sondern wollen nur aus Geld mehr Geld machen oder in Saus und Braus leben. Weshalb, so der Professor von Uni Witten/Herdecke, ein Teil dieser Leute unfassbar geizig ist, während ein anderer Teil in geschmacklosem Einheitsprotz verkommt. Die Zeit der großen Sozialstifter, Kunstsammler, Kulturmäzene mit Sendungsbewusstsein sei vorbei. Der Millionär als eigensinniger wie waghalsiger und großzügiger Avantgardist auch im und für den öffentlichen Raum sei bis auf einige Ausnahmen im Verschwinden begriffen. Also drängt sich den Zuhörern auf: Von dieser Seite hat die Schmuckszene vielleicht wohlfeile Glamourbedürfnisse, aber keine Forderungen nach künstlerischer Innovation zu erwarten.

Im neunten Jahr ist SchmuckDenken jetzt „unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“, an der es der Kulturgeschichte bislang mangelt. Die Reihe der Symposien an der Nahe hat seither eine gehörige, in vielen Aspekten erhellende Stoffsammlung zusammengetragen. Vielleicht ist mit dem zehnten Symposium 2014 die Zeit reif, an die Ausformulierung der Theorie zu gehen.

(Andreas Pecht)

27. Januar 2016

SD_9 in Bildern/pictures from SchmuckDenken 9