Gestaltung
Edelstein und Schmuck
englisch

SchmuckDenken VIII (2012) - Wissenschaft und Kunst

Nachfolgender Text wurde verfasst von Andreas Pecht - besuchen Sie seine Opens external link in new windowWeb-Site (www.pecht.info) - es gibt dort auch die Nachlesen der Symposien der vergangenen Jahre.

8. Symposium „Schmuck-Denken“ in Idar-Oberstein diskutiert das Verhältnis zwischen Kunst und Markt

Schmuck wider den globalen Einheitsbrei

ape.Idar-Oberstein. Welche Rolle kann Schmuckkunst in einer globalisierten Welt spielen, die unauflöslich an das Gesetz „Wachstum, Wachstum über alles“ gekettet scheint? Das war eine der großen Fragen, die sich durch die jetzt achte Ausgabe des internationalen Symposiums „Schmuck-Denken“ in Idar-Oberstein zog.

Seit 2005 führt diese Veranstaltung alljährlich zwei Tage Schmuckkünstler, Studierende für Edelstein- und Schmuckdesign sowie Gelehrte diverser Fakultäten in der Nahe-Stadt zu Vorträgen und Disputationen zusammen. Unter dem Motto „Unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“ will die interdisziplinär angelegte Tagungsreihe einem eigentümlichen Manko abhelfen: Schmuck ist zwar eines der ältesten Kulturphänomene überhaupt, aber im Gegensatz zu allen anderen Kunstsparten erfuhr es theoretische Durchdringung bislang nur sporadisch.

Die Trennung von Wissenschaft und Kunst ist eine historisch recht junge Entwicklung. Daran erinnert Theo Smeets mit Verweis auf Leonardo da Vinci, der noch Künstler, Wissenschaftler und Ingenieur in einer Person war. Die Scheidung in wissenschaftlich-objektive und künstlerisch-subjektive Sphäre erfolgt später in der Aufklärung, erreicht ihren Gipfelpunkt in der Moderne.„Doch diese Trennung hat keine Zukunft“, meint Smeets. Und mit Blick auch auf die jüngsten Erkenntnisse der Hirnforschung möchte man zustimmen. Denn ob Medizin, Technikentwicklung, Lebens- oder Arbeitsorganisation: Inzwischen ist vielfach bewiesen, dass der Mensch sie ganzheitlich erfährt, dass Denken und Fühlen untrennbar sind.

Vor diesem Hintergrund fällt dem Autorenschmuck – also der künstlerisch individuellen Schmuckgestaltung im Gegensatz zum industriellen Massenschmuck – eine besondere Funktion zu: „Utopische Widerständigkeit gegenüber der noch nie dagewesenen Langeweile der neuen Globalkultur“. Diesen schwerwiegenden Befund trägt Jivan Astfalk, Professorin für Schmuckkunst und Design an der Universität Birmingham, in Idar-Oberstein vor. Und sie belegt diese Langeweile mit dem Verweis auf die immer weiter um sich greifende Gleichförmigkeit von Pop-Kultur, Kleidung, Nahrungsmitteln, Kommunikationsformen, konsumistischer Lebensart generell.

Ihre Forderung an die Schmuckkünstler lautet: Schafft Gegenpole zum modischen Konsumobjekt; emanzipiert euch von den gedankenlosen Ästhetiktrends des globalen Marktes; reflektiert über Formen, Materialien, Gestaltungsprozesse und kommt derart zu Schmuckstücken, die sich durch Individualität vom Einheitsbrei absetzen, gar gegen ihn wirken. Eine durchaus schwierige Gratwanderung zwischen Kunstautonomie und Vermarktungsnotwendigkeit, wie Astfalk einräumt, denn auch der Künstler muss sein Brot verdienen. Aber, so eine Feststellung in der Diskussion: Wer sein Schaffen von vornherein bloß auf Marktgefälligkeit ausrichtet, hat die Kunst schon aufgegeben.

Schmuck war fast die gesamte Zivilsationsgeschichte hindurch mehr als bloß Wertgegenstand. Die relative Seltenheit benutzter Materialien und der Arbeitsaufwand zur Schmuckgestaltung begründen nur teilweise die hohe Wertschätzung für die Preziosen. Stets hatte die ideelle Aufladung der Stücke mit rituellen, sozialen, familiären, individuellen und schließlich künstlerisch-ästhetischen Kategorien maßgeblichen Anteil an der Wertbestimmung. Der Münchner Philosoph Pravu Mazumdar verweist in Idar-Oberstein auf die Doppelfunktion des Goldes: Ursprünglich war es Symbol für die glänzende Helligkeit und Heiligkeit der Sonne, später wurde es nützliches Zahlungsmittel, ohne jedoch seinen ideellen Charakter vollständig zu verlieren.

In den Depots der Anleger von heute ist Gold nur noch nützlicher Geldersatz. Zu Schmuck gestaltet, bleibt dem Edelmetall zumindest ein Rest jener archaischen Heiligkeit des Nutzlosen. Ähnlich verläuft die Entwicklung bei den Edelsteinen. Willi Lindemann, Mitbegründer und Kurator von „Schmuck-Denken“, skizziert sie von der Antike bis in die Gegenwart. In früheren Epochen erfuhren Edelsteine eine stark kultisch-religiöse Aufladung: Der jüdisch-christliche Mythos sah das heilige Jerusalem ebenso auf Edelsteinen erbaut wie Dante sein Paradiso. Interessant ist, dass erst die Neuzeit den Edelstein selbst als ästhetisches Objekt entdeckt, das für sich allein stehen kann. In den vorherigen Epochen fanden Edelsteine vorwiegend als Material für politische oder mythologische Szenerien Verwendung respektive zur Aufwertung von Reliquienbehältnissen, Sakralgeräten oder Herrschersymbolen mit dem „heiligen Licht“, das man in den Steinen glitzern sah.

Ein letztes Echo jener spirituellen Ausdeutung findet sich in der Romantik mit ihrem Verständnis des Edelsteins als „lebendiger Materie“ und idealer Formausdruck des Naturschönen. Ernüchternd  fällt abschließend Lindemanns Blick auf die Gegenwart aus. An die Stelle der „metyphysisch bezogenen Erzählung“ über den Edelstein sei allgemein ein inhaltsleeres Schwätzen über dessen geldwerten Glamour und ein mit künstlicher Emotionalität überladenes Werbegeklingel getreten: „Glücksversprechungskitsch“ – dem die Schmuckkünstler mit der geistvoll reflektierten Ästhetik ihrer individuellen Kunst entgegentreten können.                                       

(Andreas Pecht)


26. Januar 2016