Vanessa Zöller BFA

Bachelor-Thesis: "ÜBER DEMUT"

Betreuung: Prof. Theo Smeets

Slideshow

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Notwendigkeit eines neuerlichen Demutsverständnisses.
Die Hoffnung auf Erlösung und Vorstellung von Demut im christlichen Denken werden anhand des Materialkanons Blut, Bein und Bergkristall untersucht, sowie analysiert, wie sich diese im
Reliquienkult zeigen.

‚Demütig werden‘ stellt sich in der Folge der Arbeit als reinigender Prozess heraus, der wie ein Initiationsritus verstanden werden soll.

Als materielles Synonym dient hier die Haut. Auf ihr wird der narrative Prozess von Verwundung und Heilung sichtbar.

Eine besondere Form der Stigmatisierung erfährt der Offizier in Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ -die Schuldeinschreibung in die Körperoberfläche als Tötungsritual.

Zum Verständnis geht eine Erklärung über die Stigmatisierung von Individuen voran.

Letztlich stellt sich in Bezug auf Schmuck als Medium der Kunst die Frage, ob Schmuck in seiner Funktion als die Unzulänglichkeiten des Trägers zu überdecken suchendes Element in eben dieser Funktion verkehrt werden kann, um zum offenbarenden Stigmasymbol zu werden, welches in demütiger Würde getragen wird und auf ein
Bewusstsein von moralischen Werten hinweist.

 

Ein Mangel an Verbindlichkeiten weckt das Heimweh nach einem Wertebewusstsein und Moralverständnis im christliche Sinn. Vor allem Demut soll verstanden und gelebt werden.
Demut als umfassender Begriff schließt unter anderem die Wertschätzung und Verantwortung gegenüber Mitmenschen und nachfolgenden Generationen ein.

Nach christlichem Verständnis ist eine demütige Haltung die Voraussetzung für Gotteserfahrung. Als soziale Tugend im christlichen Sinne ist Demut der ‚Mut zum Dienen‘. Die Erkenntnis des göttlichen Geheimnis im Nächsten und die Fähigkeit, ihn im Wissen um die eigene Fehlbarkeit anzunehmen und zu lieben.

Demutsgedanke und Erlösungshoffnung zeigen sich materialisiert in Reliquien, vor allem in der Verwendung von Bein, Blut, sowie Bergkristall.

Das Erlangen einer demütigen Grundhaltung kann als bereinigender Prozess begriffen werden. Unter psychoanalytischen Aspekten gleicht er einem Initiationsritus: der Mensch lässt sein altes Ich zurück, steigt in sein eigenes Dunkel, wo er sich selbst begegnet und geht in veränderter geistiger Existenz daraus hervor.

Haut soll als ein materielles Synonym betrachtet werden, auf ihr wird der Prozess durch den narrativen Vorgang von Verwundung und Heilung sichtbar.
Das Motiv der Häutung ist Sinnbild für die radikale Selbstentblößung und Selbstkonfrontation- Voraussetzung für die Erfahrung von Demut. Die Verletzung der Haut und die Überwindung der Verletzung durch Heilung ist ein sichtbares Stigma.

Eine besondere Form der Stigmatisierung der Haut erfährt die Figur des Offiziers in Franz Kafkas Erzählung „Die Strafkolonie“.

Die Erzählung Kafkas veranschaulicht deutlich, dass die Perforation der Körperoberfläche die Entleerung des Inneren zur Folge hat. Jedoch gilt die Haut als Grenze des Individuellen, darunter ist jeder Mensch gleich.
Ossuarien demonstrieren: Im Tod gibt es keine Individualität. Somit ist die Frage bei Kafka nach der jeweiligen Schuld des Verurteilten irrelevant: die Schuld ist immer zweifellos, des Menschen einzige Schuld ist seine Menschlichkeit.
Dazu gehört die menschliche Unzulänglichkeit und das demütige Eingeständnis dieser. Besitzt man die Stärke, sich selbst vergeben zu können, gelangt man zu der großen Würde, das Stigma der Schuld offen zeigen zu können.

Schmuck ist eigentlich ein konträres Medium zur Selbstentblößung, da es Aufmerksamkeit auf sich lenkt und somit von den Makeln des Trägers ablenkt.

Schmuck ist eigentlich materialisierter Stolz, das Egoistische mit altruistischer Fassade.

Dennoch ist es ein stark kommunikatives Medium der Kunst und Kunst ist dazu da, Tabus/Fehlentwicklungen/Mängel offen anzusprechen, zu entblößen.

Wenn Schmuck also maskieren kann, kann er im Umkehrschluss auch entblößen.

Aufrichtigkeit gegenüber der eigenen Person ist der Weg zur Demut, sich der eigenen Gnade und der Gnade der Mitmenschen zu
überlassen. Letztlich durchläuft der Mensch in seinem Leben viele Situationen, die einem Initiationsritus gleichen und seine Persönlichkeit ausbilden.
Auch wenn der Mensch sich von einer allmächtigen Gottheit emanzipiert hat, so kann er sich doch selbst nach christlichem Werteverständnis erziehen. Diese Prozesse sind schmerzhaft, dennoch erfährt er dadurch Reinigung und innere Stabilität. Ein heiler Mensch kann Fehler vor anderen offen zugeben, kann Schmuck dem Träger eben diese Heilung geben? Die Kraft demütig anzuerkennen, wer er im Innern ist und das mit Charakterstärke zu offenbaren?

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