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Edelstein und Schmuck

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SchmuckDenken VII (2011) Identität & Verantwortung der Angewandten Kunst

Nachfolgender Text wurde verfasst von Andreas Pecht - besuchen Sie seine Web-Site (www.pecht.info) - es gibt dort auch die Nachlesen der Symposien der vergangenen Jahre.



Schmuck muss getragen werden

ape. Idar-Oberstein. Seit 2005 wird in jedem Frühling an dieser Stelle einmal über Schmuck philosophiert. Anlass ist das alljährlich Symposium„Schmuckdenken“, das für jeweils zwei Tage Schmuckmacher/-künstler, Studierende und Wissenschaftler diverser Fakultäten aus aller Herren Länder in Idar-Oberstein zusammenführt. Was ist das, Schmuck? Warum schmücken sich Menschen seit Anbeginn aller Kultur? Welche Bedeutung haben Ringe, Ketten, Broschen für Individuen, Gruppen, ganze Gesellschaften? Im siebten Jahr setzte sich die vom örtlichen Fachhochschulbereich für Schmuck- und Edelsteingestaltung und der Stadt ausgerichtete Tagungsreihe „unterwegs zu einer Theorie des Schmucks“ mit solchen Fragen auseinander.


Dass es im Gegensatz zu allen übrigen Bereichen der Kultur für den Schmuck eine systematische Theorie nicht gibt, wurde seit dem ersten Symposium immer wieder festgestellt. Um diesem Manko Abhilfe zu schaffen, wurden in den Vorjahren zahlreiche Aspekte des Phänomens Schmuck in Vorträgen und Diskussionen unter historischen, ethnologischen, philosophischen, soziologischen und künstlerischen Gesichtpunkten beleuchtet. Willi Lindemann, Tagungsleiter vom ersten Jahr an, bezeichnete das jetzt als „Grundlagenforschung“. Zugleich sprach er der 2011er Zusammenkunft in dieser Woche die Aufgabe zu, ein erstes Resumée aus den bisherigen Anstrengungen zu ziehen.


Die Schlussfolgerungen, die er und Fachbereichsleiter Theo Smeets dabei in ihren Eckreferaten ausführten, könnten durchaus geeignet sein, Teile der internationalen Schmuckszene in helle Aufregung zu versetzen. Denn beide stellten eine Entwicklung unter kritischen Vorbehalt, die vor allem in der Schmuckavantgarde des späten 20. Jahrhunderts zu dem Selbstverständnis führte: Der sogenannte „Autorenschmuck“ versteht sich in erster Linie als Kunst; ob Menschen ihn tragen können oder wollen, wird als nachrangig oder gar völlig belanglos betrachtet.


Praktische Folge ist in dieser Denkrichtung die Verwandlung von Schmuck in Kunstobjekte, die gar nicht mehr darauf abzielen, einen Träger zu schmücken. Sie wollen als Kunstwerke mit eigenständigen Botschaften verstanden sein. Weshalb viele Arbeiten der Kategorie Autorenschmuck, so Lindemann, primär zum Objekt für private oder öffentliche Sammlungen geworden sind, in Vitrinen der Museen landen oder ein Dasein als Abbildung in Katalogen und Künstlermonographien führen. Mehr noch: Laut Smeet betrachtet mancher moderne Schmuckgestalter die Aufnahme seiner Arbeiten ins Kunstmuseum quasi als Ritterschlag. Eine fragwürdige Ehre, wie er findet. Denn im Museum kann man den Schmuck nicht mehr anfassen, ihn nicht ausprobieren, nicht anlegen.


Kurzum: In der Vitrine verliert der Schmuck die Verbindung zum menschlichen Körper und damit seine Bedeutung als individuelles Ausdrucks- und soziales Kommunikationsmittel. Genau diese Funktion aber zeichnete Schmuck auf vielfältige Weise durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch aus. Das wurde seit 2005 in zahlreichen Symposiumsbeiträgen erhellt. Schmuck als am Körper getragenes Symbol der Zugehörigkeit zu Sippe, Stamm, Zunft, Religionsgemeinschaft. Als Amulett mit Zauber- und Schutzwirkung. Als Zeichen für sozialen Status oder Wohlstand. Schmuck als äußerer Ausdruck einer inneren Haltung oder eben als Versuch, gut auszusehen respektive von anderen so gesehen zu werden, wie man gerne gesehen würde....


In jedem dieser Fälle offenbart Schmuck Wesenzüge, die weit über seine äußere Form hinausweisen. Schmuck ist selten nur mehr oder weniger „schön“. Vielmehr gehört es zu seinen speziellen Eigenarten, dass sich erst in der Verbindung zwischen Schmuckstück und Identität seines Trägers soziale und ideelle Dimensionen manifestieren. Beim Autorenschmuck indes geht diese Verbindung oft verloren. Damit aber hört  Schmuck auf, Schmuck zu sein. Der zeitgenössische Autorenschmuck steckt also in einem Dilemma, wenn er davon absieht, dass Schmuck getragen werden soll.


Dieser Gedanke schwebte als grundlegende Fragestellung auch nach der Identität, nach dem Selbstverständnis der heute aktiven oder derzeit in Ausbildung befindlichen Schmuckgestalter über dem 2011er „Schmuckdenken“-Symposium in Idar-Oberstein. Dass hier nach sieben Jahren nun vorgeschlagen wird, die Schmuck-Avantgarde möge sich auf die urwüchsige Beziehung zwischen Schmuck und Träger besinnen, kommt für manchen ziemlich überraschend. Denn in den Vorjahren war nicht zuletzt das Ringen des Schmuckschaffens um Anerkennung als vollwertige, eigenständige und autonome Kunst ein gewichtiger Aspekt der Diskussionen.


Lindemann, Smeets und andere insistieren nun aber keineswegs auf eine Rolle rückwärts hin zum bloß als Kunsthandwerk verstandenen Schmuckschaffen. Sie formulieren eine neue Perspektive: Anspruchsvolle Schmuckgestaltung als angewandte Kunst im Beziehungsgeflecht zwischen künstlerischem Gestalter, kunstsinnigem Träger und kunstvollem Schmuckstück.

                                                                                        Andreas Pecht

16. August 2012